Egba Women's War
Bezeichnung für die von Frauen getragenen Proteste gegen steuerpolitische Willkürmaßnahmen und politische Repression gegen Frauen in Egba (Südwest-Nigeria).
Zu Beginn der 1940er Jahre hatte die britische Kolonialregierung eine Kopfsteuer für Frauen, besonders Marktfrauen, eingeführt, um die Kriegskasse des Empires aufzufüllen. Diese drückenden Abgaben, die sich gegen die materiell schwächste Gruppe im Protektorat Nigeria richtete, wurden vor allem durch lokale Chiefs und ihre Bediensteten durchgeführt, gemäß dem Prinzip des "indirect rule", des britischen Kolonialsystems. Die Besteuerung hatte indessen in einem langen Prozeß der politischen Entmachtung der Frauen Nigerias nur das Maß voll gemacht. Von den traditionellen politischen Ämtern, die Frauen einst besaßen, war trotz "native administration " nicht viel geblieben. Die einst so einflußreiche Iyalode besaß kaum mehr als eine symbolische Funktion, ohne jeden Einfluß auf das politische Geschehen. Der Alake (König) von Egba und die Ogboni (priesterlicher Männergeheimbund) teilten sich die Macht und wirtschafteten zunehmend in die eigene Tasche. Dagegen erhoben sich unter der Führung der charismatischen Funmilayo Ransome-Kuti Proteste, die in Form von Sitzstreiks, Boykottmaßnahmen der Marktfrauen und Massendemonstrationen Verhandlungen erzwangen. Die hervorragende Organisation war unter anderem langer Vorarbeit durch die Abeokuta Women's Union zu verdanken, die jederzeit mehr als 10.000 Frauen mobilisieren konnte und über 100.000 hinter sich hatte. Im Gegensatz zu Frauenunruhen in anderen Regionen Nigerias verliefen diese Aktionen sehr diszipliniert und größtenteils friedlich. Wichtig war, daß die Proteste der Frauen durch ihre Männer mitgetragen wurden, da diese durch die steuerliche Repression und die Willkürherrschaft der Ogoni genauso betroffen waren. Außerdem ging es von Anfang an nicht nur um die Frauen, sondern um die Ablösung des britischen Kolonialregimes. Der größte Erfolg der Bewegung war die Abdankung des Alake im Jahre 1949. Die Besteuerung wurde vorläufig zurückgenommen, doch die Abeokuta Women's Union und die mit ihr verbündeten antikolonialistischen Parteien führten ihre Arbeit fort.
Chronik des Egba Women’s War
-
Im November 1939 veröffentlicht Funmilayo Ransome-Kuti (FRK) einen Artikel im West African Pilot, in dem sie dem Alake von Egba, Ademola II. vorwirft, mit europäischen Firmen Pachtvereinbarungen zu treffen, ohne die afrikanischen Eigentümer des Landes in die Verhandlungen einzubeziehen.
-
Juli 1940
Nachdem der Alake die Wassersteuer erhöht hat, demonstrieren 10.000 Frauen vor dem Palast des Alake und der britischen Residenz. -
September 1945
Das britische Kolonialregime lässt in Zusammenhang mit kriegsbedingten Rationierungsmaßnahmen den Reis der Reishändlerinnen beschlagnahmen, ohne diese zu entschädigen. Der Abeokuta Ladies Club schickt eine Protestdelegation zum District Officer (DO) und zum Egba Native Administration Council (ENA-council). -
12. November 1945
Auf Betreiben des Abeokuta Ladies Club findet eine Pressekonferenz zur Situation der Reishändlerinnen statt. Eine Woche später wird die Beschlagnahme aufgehoben. -
November 1945
Den Behörden wird ein Forderungskatalog überreicht. Hauptpunkte: keine Regierungskontrolle über den Markthandel und keine Steuererhöhung für Marktfrauen. Weiter werden sanitäre Verbesserungen, die Errichtung von Krankenhäusern und Alphabetisierungsprogramme gefordert. -
März 1946
Der Abeokuta Ladies Club wird zur Abeokuta Women’s Union (AWU). -
Motto:Einheit, Kooperation, selbstloser Dienst und Demokratie. Die AWU nimmt sowohl Individuen wie Organisationen auf.
-
5. Juli 1946
Die AWU ruft einen Women’s Day aus. FRK schickt ein Rundschreiben an alle Egba Chiefs, in dem sie den Alake des Machtmissbrauchs und der Korruption beschuldigt. -
August 1946
Der Alake vertreibt Händlerinnen aus dem Itoku Markt, damit er das Land an europäische Firmen verpachten kann. Nachdem die AWU beim DO interveniert, wird die Verfügung rückgängig gemacht. -
Oktober 1946
Eine AWU Delegation trifft sich mit dem Alake. Forderung: Aufhebung der Sondersteuer für Frauen. -
Mitte Oktober 1946
1.000 Frauen marschieren zum Palast des Alake, um gegen Steuererhöhungen zu protestieren. Der Alake entgegnet, er werde Frauen, die sich zu beschweren haben nur einzeln empfangen, aber "no group business". FRK fordert daraufhin, dass vor einer Steuererhöhung Erhebungsformulare gedruckt werden müssen. Die Frauen ziehen vor das Verwaltungsgericht. -
April 1947
FRK boykottiert die Kopf- und Einkommensteuer. Sie wird zu 3 Pfund Geldstrafe verurteilt. 5.000 Frauen demonstrieren vor dem Gericht. Einige Egba Chiefs greifen FRK in der Presse als "Diktatorin" an. Über 50% ihrer Einkommen beziehen die Chiefs aus der Frauensteuer. -
November 1947
permanente Massendemonstrationen in Abeokuta mit zehntausenden von Teilnehmern. Die Teilnehmer wer den in Trainingsgruppen auf Polizeiangriffe vorbereitet. Nachdem keine Demonstrationen mehr genehmigt werden, werden "Picknicks" und "Festivals" veranstaltet. Aus Lagos reisen Rechtsanwälte für die Verhafteten an. -
November 1947
Ogboni-Mitglieder treten als Oro maskiert auf, um Frauen vom demonstrieren abzuhalten (Oro ist ein exklusiver Maskenumzug der Ogboni, die Anwesenheit von Frauen ist streng untersagt, und normalerweise flüchten diese bei dem Herannahen eines Oro panisch in ihre Häuser). FRK tritt einem Tänzer entgegen und entreißt ihm den Stab, welchem übernatürliche Kräfte nachgesagt werden und nimmt ihn mit nach Hause. Die Demonstration wird fortgeführt.
Bei einer anderen Demonstration werden einem Ogboni, der die Frauen provoziert hat, öffentlich alle Kleidungsstücke heruntergerissen (eine Maßnahme, die die bediensteten Steuereintreiber der Ogboni oft gegenüber zahlungsunfähigen Frauen praktizierten). Daraufhin ergreifen die übrigen anwesenden Ogboni kopflos die Flucht aus dem Palast des Alake, unter Hinterlassung ihrer Roben und Sakralgegenstände. Die Frauen stimmen in einen Triumphgesang ein:
Oro o, a fe s’oro
Oro o, a fe s’oro
E ti ‘lekun mo’kunrin
A fe s’oro
( Oro –o, wir führen einen Oro durch, / Schaut her ihr Männer, wir führen einen Oro durch!) -
29. November 1947
Die Marktfrauen schließen alle Märkte in Abeokuta. 10.000 Frauen blockieren einen Tag lang den Palast des Alake. Es werden symbolische Beerdigungen des Alake durchgeführt und Opferzeremonien parodiert. Der Alake und die Weißen werden mit Protest-, Droh- und Spottgesängen überhäuft (insgesamt komponiert die AWU über 200 Gesänge).
Idowu (Alake), lange Zeit hast du deinen Schwanz benutzt, als Zeichen deiner Autorität, dass du unser Ehemann (d.h. unser Gebieter) bist. Heute kehren wir die Ordnung um und benutzen unsere Möse, um auf (sic!) dir die Rolle des Ehemannes zu spielen...
O ihr Männer, der Kopf der Möse wird Rache üben.
-
30. November 1947
Die ENA gibt bekannt, daß die Besteuerung von Frauen bis auf weiteres aufgehoben wird. -
3. Dezember 1947
Mehrere Mitglieder der AWU werden wegen Steuerboykotts verhaftet. -
8-10 Dezember 1947
Zweitägiger Sitzstreik vor dem Palast des Alake. 10.000 Frauen fordern die Freilassung der Inhaftierten. -
10. Dezember 1947
Alle inhaftierten Frauen werden freigelassen. -
Mitte Dezember 1947
Der Alake kündigt an, daß künftig Frauen in den ENA Rat aufgenommen werden, allerdings nicht sofort, um "geeignete Kandidatinnen" zu suchen. Er schlägt die Ernennung einer Iyalode vor. -
12.Februar 1948
Der Alake verhängt über FRK einen Bann für die Palastumgebung -
Februar 1948
Eine Delegation der AWU wird vom DO und dem Alake zu Verhandlungen in den Palast eingeladen. Bedingung: FRK wird ausgeschlossen. Die Frauen fordern ihre Teilnahme. Als der DO den Palast verlassen will, blockieren die Frauen den Weg. Als er schließlich entkommt, sitzt FRK in seinem Wagen und hält das Lenkrad fest. -
Februar 1948
Die Presse, die anfangs vorwiegend negativ über die Frauenaktionen berichtet hat, fordert nun die Einbeziehung von Frauen in die ENA. -
27.Februar 1948
In einer ENA-Sitzung verliest der britische Residenzminister eine Erklärung, wonach jeder, der "den Frieden in Abeokuta gefährdet" demnächst als Krimineller behandelt wird. Die AWU reagiert mit einer Pressekonferenz, in der die Machenschaften des Alake angeprangert werden (neuer Vorwurf: der Alake nutzt seine Position aus, um ein Monopol auf Salz zu erheben). -
April 1948
FRK boykottiert erneut die Einkommensteuer. Tausende demonstrieren verbotenerweise vor dem Palast des Alake. -
28.April 1948
Erneute Demonstration in Abeokuta. Forderung: Aufhebung der Frauensteuer, Abdankung des Alake. Gegen FRK gehen Morddrohungen ein. -
Juni 1948
Der Alake setzt eine Untersuchungskommission ein, welche sich der Steuerbeschwerde der AWU annehmen soll. Er stimmt der Einbeziehung von Frauen in die ENA zu. Anschließend verlässt er Egba für einen "Urlaub". -
4. Juli 1948
Die Ogboni und andere Mitglieder der ENA bringen in Abwesenheit des Alake eine Resolution heraus, in der sie das ENA-System als unvereinbar mit den traditionellen Gesetzen und Bräuchen des Landes bezeichnen und den Alake des Amtsmissbrauchs und der Korruption bezichtigen. Nach Rückkehr des Alake boykottieren die Ogboni die Sitzungen der ENA. Der Alake akzeptiert die Resolution, besteht aber weiterhin auf seinen Titel und das Amt des Alake. -
7-8. Juli 1948
Massendemonstrationen der AWU. -
26 Juli 1948
Der Alake tritt als Vorsitzender der ENA zurück, bleibt aber Alake. -
27-28. Juli 1948
Weitere Demonstrationen der AWU, mit der Forderung nach Rücktritt des Alake. -
29. Juli 1948
"Um Unruhen zu vermeiden" weist der britische Resident den Alake an, Abeokuta zu verlassen. Dieser geht nach Oshogbo (außerhalb von Egba). -
29. Juli – 2. August 1948
Die AWU feiert den Auszug des Alake mit einem großen Straßenfest, einschließlich eines "Dankgottesdienstes" in der St. John’s Church in Igbein, wo der Bischof eine Predigt "über die Emanzipation der Frauen" hält. -
August 1948
Über die Aktivitäten der Frauen wird ausführlich in der Presse in Großbritannien berichtet (der Daily Worker titelt: "They made the Ruler Run"). FRK wendet sich um Unterstützung an antikolonialistische Labour –Abgeordnete. -
August 1948
Eine Egba –Interimsregierung wird eingesetzt. Vier Frauen, darunter FRK, werden nominiert. Eine der ersten Maßnahmen des Rates ist die Abschaffung der Frauensteuer und der Steuererhöhungen für Männer. Die Briten stimmen unter der Bedingung von Ausgabenkürzungen im öffentlichen Etat zu. -
August 1948
Die AWU und die Majoebaje-Society (eine AWU –freundliche Männerorganisation) fordern weiterhin die Abdankung des Alake. -
3. Januar 1949
Der Alake von Egba, Ademola II dankt ab. -
15.Mai 1949
FRK schlägt die Gründung der Nigerian Women’s Union vor. Die AWU wird zum Exekutivkomitee der NWU in Abeokuta. -
30.November 1950
Auf betreiben der Action Group des Obafemi Awolowo wird Ademola wieder als Alake in Abeokuta eingesetzt. Die AG argumentiert, dass die traditionellen Repräsentanten wieder in Amt und Würde gesetzt werden sollten. AWU und Majoebaje-Society sind überstimmt worden. Unter Geleit der Ogboni und der ENA-Polizei betritt der Alake bei Nacht wieder seinen Palast. -
Dezember 1950
Die AWU und Majoebaje-Society wirken an der Satzung mit, unter der der Alake seine Arbeit wieder aufnehmen kann.
Nach 1950 gab es noch mehrmaliges Auf- und Ab, Steuern wurden wieder eingeführt, FRK wegen Aufrufs zum Steuerstreik inhaftiert und ihr der Reisepass entzogen. Doch die AWU, bzw. NWU waren von jetzt ab aus der ENA nicht mehr zu entfernen. FRK schloß sich dem NCNC (National Council for Nigeria and the Cameroons) an und kandidierte für das Parlament in Westnigeria. 1959 erhielt sie als unabhängige Kandidatin 17,8 % der Stimmen.
siehe auch Aba Women Riots
For Women and the Nation
WOMEN, THE STATE, AND THE TRAVAILS OF DECENTRALIZING THE NIGERIAN FEDERATION http://www.westafricareview.com/war/vol2.1/okome.html