Verantwortung und Ego
Exkurs Verantwortung __(englisch: responsibility)
Verantwortung ist beim Menschen fast nicht angeboren sondern kann innerhalb einer Kultur angelegt und erworben sein - mehr oder weniger. Angeboren ist nur die Verantwortung für sich selbst und für die eigenen Kinder, wohl eher bei Müttern als bei Vätern. Überhaupt nicht angeboren ist die Verantwortung für die Schöpfung oder ähnliches. Deswegen fällt es uns Menschen ziemlich leicht, auszubeuten und zu zerstören, selbst dann, wenn wir die verheerenden Folgen erkennen und bedauern oder gar darunter leiden. Die zunehmende Ausbeutung der Natur und der anderen Menschen hängt hiermit zusammen. Vielleicht ist das Ende der menschlichen Existenz mit dem Mangel an instinktiver Verantwortung besiegelt.
Es gibt aber Kulturen, in die die Verantwortung für die Schöpfung eingebaut ist: Tibeter, Bijnoi (in Indien), Kogi (in Columbien) und andere indianische Kulturen, ich denke auch an andere naturnahe Kulturen überall auf der Erde: Ureinwohner in Australien, Wolhynien-Deutsche im Grenzgebiet Ukraine-Rußland (sind nun alle im Westen verstreut, ihr Museum in Linstow/Mecklenburg), vielleicht etliche Kulturen in Schwarz-Afrika, Adivasi in Indien ....
Ich vermute, daß der Ursprung für Verantwortung in einer Kultur wohl eher die Erkenntnis in den Zwang der Verhältnisse gewesen ist, nämlich sich nicht selbst die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören - eher als zum Beispiel eine spirituelle Einsicht. Im Buddhismus aber ist diese Verantwortung fester verankert als in den anderen großen Religionen:
> "Das Bodhisattva-Gelübde, das ein praktizierender Buddhist ...
> ablegt, beinhaltet das Gelöbnis, sich ganz und gar für das Wohl aller
> Wesen einzusetzen. Es ist ein ausdrücklicher Verzicht darauf,
> egoistischen Impulsen zu folgen, und bedeutet, voll und ganz
> Verantwortung zu übernehmen - nicht nur für sich selbst sondern
> auch für andere, in gewissem Sinne sogar für die ganze Welt. Das
> Bodhisattva-Gelübde, das jeder Praktizierende täglich erneuert,
> lautet: Alle Wesen waren meine Mütter. Auf daß sie die Buddhaschaft
> erlangen mögen, will ich beständig den erleuchteten Geist entwickeln,
> indem ich mich allen Tuns enthalte, das Schaden bringt, nur das tue,
> was recht ist, und zum Wohle anderer wirke." (Olvedi, Buddhas Kinder,
> S. 73)
Exkurs Ego __
Für mich (Aryaman) und in buddhistischer Sicht ist das Ego eines der künstlichen, gemachten Groß-Programme des Gehirns - Programmerstellung erst nach der Geburt: Beginnend kurz nach der Geburt wird es während der Kindheit errichtet, komponiert und verfeinert aus verschiedenen Quellen, hauptsächlich durch die soziale Umwelt und durch eigenes Streben. Vielleicht ist jedem gesunden Menschen der Drang angeboren, sich ein Ego aufzubauen. Wie das Ego aussieht, hängt von den Umständen ab und könnte bei demselben Menschen unter verschiedenen Umständen ganz verschieden ausfallen. Allerdings gestaltet gewiß der angeborene Charakter wesentlich mit (der angeborene Charakter ist grundsätzlich nicht veränderbar, nur leicht wandelbar, wahrscheinlich durch die Erfahrungen des Lebens).
Wie mir scheint ist, was dabei herauskommt, die Persönlichkeit - also etwas weitgehend Künstliches. Die Persönlichkeit ist das nach außen erscheinende Bild, das Ego ist das Organ, mit dem die Persönlichkeit arbeitet - so etwa. Wie ein bestimmtes Ego und eine Persönlichkeit aussehen, kann in verschiedenen Kulturen verschieden sein.
Es wird ja auch gesagt: eigentlich gibt es gar kein Ego, es ist nur Einbildung, ein Konstrukt (so wie es gar kein Jahrtausend gibt, es besteht nur in den Köpfen als Einbildung oder Konstrukt) - zum Beispiel unter dem Stichwort Atma (Ego in Sanskrit) unter http://www.dharmafellowship.org/glossary.htm . oder Anatma (Ego-Losigkeit in Sanskrit).
Das EGO erscheint wie eine riesige Computer-Software im Gehirn, die unter vielem anderen zwei Gruppen von Unterprogrammen enthält: eines zur permanenten Erweiterung und Verbesserung und ein anderes zur permanenten Wachsamkeit und Verteidigung seiner selbst:
Erweiterung durch Lernen und Erfahren. Das geschieht besonders im zweiten Lebensjahrzehnt in Schule, Lehre, Studium ..., doch eine "Persönlichkeit von Format" lernt und erfährt das ganze Leben hindurch immer weiter, hört nie auf, wird dadurch sehr eindrucksvoll für Andere, vielleicht aber immer künstlicher, immer unnatürlicher - bis sie das Ego fallen lassen kann und aus dem "eigenen inneren Licht" lebt (siehe Loslassen).
Verteidigung immer dann, wenn das Ego sich bedroht fühlt durch Angriffe auf seine Inhalte, Meinungen, Methoden, Emotionen und so weiter. Methoden der Verteidigung sind besonders: Zynismus, Ärger, Wut, Weinen, Kämpfen, (Aus-) Lachen, Weglaufen, Erfindung sogenannter eigener Eigenschaften und so weiter, Begierden nach Macht und anderem, sich klein und schwächlich machen, Selbstmitleid ...
Erweiterung und Verteidigung des Ego´s sind aber dann hinderlich, wenn der Mensch sich selbst erkennen will, frei in eigene geistige und spirituelle, auch unbekannte Tiefen tauchen will. Denn durch die Unterprogramme Erweiterung und Verteidigung ist der Geist besetzt mit Haufen von Mustern (die im Ego sind), die ihn daran hindern, sich frei zu bewegen.
Je stärker und sicherer das Ego mit seinem Denken und Deuten ist, desto unbeweglicher ist es und ähnelt dem geformten Stein oder Eis ("Wenn Winterwind das stille Wasser streift, wird es zu Eis - nach Wesen und Gestalt wie Stein. Wenn deutende Gedanken die Verwirrten blenden, wird das, was eben noch nicht Form war, hart und fest", von Saraha, zitiert von Osho, 1993, Die Tantrische Vision, 9. Kapitel) - flüssiges Wasser ist ohne Form, der Ego-lose Geist ebenso. Das unbewegliche Ego hat nur wenige Möglichkeiten, Dinge anzunehmen, die nicht in seine Muster passen. Wahrscheinlich lernen deswegen - nicht aber weil sie physisch unfähiger wären - ältere Menschen weniger leicht als junge, bei jungen Menschen ist das Ego noch nicht so vereist und verfelst.
Wenn ein Mensch aber gelernt hat, die Übermacht des Ego mit seinen Eigenschaften los zu lassen (siehe Loslassen), es höchstens bei Gelegenheit als ein gutes Werkzeug zu nutzen, dann wird er weicher, fließender, verletzlicher, empfänglicher (weiblicher) und ähnelt eher dem flüssigen Wasser. Dann kann er auch Erfahrungen machen, die nicht irgendwelchen alten Mustern entsprechen, und in das Leben einbauen und es bunter gestalten. - Auch ist mit einem starken Ego eine geringe Wachheit verbunden, da das Ego viel Energie und Beschäftigung benötigt um sich selbst zu äußern. Wo aber kein Ego ist, hat der Mensch mit seinen Sinnen Zeit, wach nach außen und nach innen zu schauen. So sind also Wachheit und Ego einander ausschließende Gegensätze.
Ungewohnte Erfahrungen verschrecken den Menschen mit einem starken Ego und verunsichern ihn bis hin zu Angst und Todesfurcht, werden aber für den Menschen, der die Übermacht des Ego´s loslassen kann, zu einem (Natur-) Genuß - wenn auch oft schmerzlich. (Natur deswegen, weil unser Inneres ja auch Natur ist - nur das Ego und seine Produkte sind nicht Natur. → siehe Natur)
Könnte es nicht auch sein, daß von Natur aus der Mensch gar nicht den Drang hat, sich ein Ego aufzubauen? - sondern daß Ego eine spezielle Eigenschaft unserer Kultur (und einiger anderer Kulturen) ist? Vielleicht wird ein Ego auszubilden bei uns dem sehr kleinen Kind von seiner Umgebung bereits nahe gelegt, bevor die Erziehung beginnt; "Persönlichkeit" aufzubauen und zu fördern ist doch hohes Ziel unserer Erziehung. Aber zu welchem gesellschaftlichen Erfolg führt die Ausbildung eines Ego, einer Persönlichkeit?
Das Ego ist ein Produkt Deiner ganzen Erziehung, ein Nebenprodukt Deines natürlichen Lebenslaufes. Das Ego braucht das Bewußtsein als Grundlage. Es ist die Grundlage, daß Du Dich als Individuum vom Rest der Welt trennen und eine einzigartige Persönlichkeit sein kannst. Am schönsten wäre, dass, wenn das geschehen ist, wenn Du wer geworden bist, daß Du dann das Ego wieder fallen lassen kannst. Es hat seine Aufgabe erfüllt - damit beginnt ein neuer Lebensabschnitt, ein weiterer Schritt der Evolution (Bhagwan, ab 1972, 5. Band, Das Potential der Leere, S. 318ff), der vierte Schritt in der Bewußtheits-Evolution: der Vierte - der mentale oder psychische - Körper bei Osho (Bhagwan, 1977; auch in Aryaman, Bewußtheits-Stufen; siehe Exkurs Bewußtheiten).
(weiter: bei Osho, Mut, S. 153, ab S. 111. Osho, Potential der Leere, S. 119)
Sich mit dem Ego zu beschäftigen ist nach meiner Ansicht extrem wichtig in einer Zukunftswerkstatt, da das Ego die Antriebsfeder aller Machtgelüste und Ausbeutungsgelüste und übertriebene Selbstdarstellung ist. Selbst in der neuen alternativen Bewegungen spielt das Ego eine enorm hinderliche Rolle - siehe das Beispiel eines Anti-Gen-Technik-Funktionärs beim BUND, der plötzlich als ein Pro- in die entsprechende Industrie gegangen ist (nach Wanzleben oder wie das heißt). Erst wenn das Ego erkannt und wenigstens zum Teil losgelassen ist (das ist ein rein persönlicher Prozess, der bei jeder/m einzelnen geschehen sollte), dann passieren nicht mehr die so schädlichen Macht- und Rechthabens-Streitereien innerhalb der Alternativen.
Um in lebendiger Weise wirksam bleiben zu können, müssen wir einfach sein (ich hoffe, daß ich es wenigstens zum Teil bin).
Aryaman = Stefan Wellershaus ( mailto:swaryaman@ginko.de )
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Donnerstag, 16. Oktober 2003
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