Erich Mühsam

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[External Image] (geboren am 6. April 1878 in Berlin, ermordet am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)

"Jeden Abend werfe ich"

Jeden Abend werfe ich
eine Zukunft hinter mich,
die sich niemals mehr erhebt -
denn sie hat im Geist gelebt.
Neue Bilder werden, wachsen;
Welten drehn um neue Achsen,
werden, sterben, lieben, schaffen.
Die Vergangenheiten klaffen. -
Tobend, wirbelnd stürzt die Zeit
in die Gruft. - Das Leben schreit!

Erich Muehsams Tod - Bericht der Freunde

In der Nacht vom 28. Februar 1933, bei einer ihrer gross- angelegten "Saeuberungsaktionen" - wie sie es nannten - holten die Nazis Erich Muehsam aus dem Bett. Sie schleppten "das Judenaas" durch ihre Gefaengnisse und Konzentrations- lager. Sie folterten ihn auf unvorstellbar grausame Weise, spien ihm in den Mund, hetzten einen Menschenaffen auf ihn; das verschuechterte Tier hing sich an seinen Hals und kuesste ihn verzweifelt. Sie brannten ein Hakenkreuz in seinen Bart und ermordeten ihn schliesslich, in der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934, als er sich weigerte einen Befehl der SS-Schergen zu befolgen: "Bis morgen frueh haben Sie sich aufzuhaengen. Wenn Sie diesen Befehl nicht ausfuehren, erledigen wir das selbst." Erich Muehsam widerstand. Sie folterten ihn zu Tode und hingen ihn dann in der Latrine des Konzentrationslagers Oranienburg auf. So kam Erich Muehsam ums Leben, im Alter von 56 Jahren.

"Geistige Erben der Täter auf dem Vormarsch?"

Junge Welt: Andreas Siegmund-Schultze sprach mit Rolf Summer. Er ist Sprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der AntifaschistInnen (VVN/BdA) Berlin-Pankow e.V.

F: Aus Anlaß des 70. Todestages des anarchokommunistischen Schriftstellers und Revolutionärs Erich Mühsam am 10. Juli veranstalten antifaschistische Gruppen, darunter die Antifaschistische Gruppe Oranienburg (AGO) sowie die VVN/BdA Pankow, mehrere Aktionen. Welche Bedeutung hat Mühsam für Antifas heute?

Wir wollen an Mühsam nicht nur deswegen erinnern, weil er als früher Warner vor den Nazis und unbeugsamer Rebell noch heute ein Beispiel geben kann. Uns interessiert auch das revolutionäre Erbe Mühsams, der sich entschieden gegen Staatlichkeit, Kapitalismus, die deutschen militaristischen und autoritären Traditionen wandte. Er war ferner ein Kritiker von Hierarchien und Dogmen in der antifaschistischen und Arbeiterbewegung. In Oranienburg, wo er vor 70 Jahren im KZ von den Nazis bestialisch gequält und umgebracht wurde, erstarken heute wieder die Nachfolger seiner Mörder. Das verdeutlicht die Notwendigkeit antifaschistischer Gegenwehr. Gleichwohl haben wir an Mühsam manches zu kritisieren, wie beispielsweise seinen Sexismus und seine stellenweise verkürzten Analysen, die ihn zumindest zeitweilig zum Anhänger der reaktionären Theorien eines Silvio Gesell werden ließen.

F: Was für Aktionen sind geplant?

Am Abend des 3. Juli findet im »Krähenfuß« an der Humboldt-Universität Berlin ein Solikonzert mit Swingband, Mühsam-Chanson-Programm und DJs statt. Am 6. Juli organisiert die AGO eine Infoveranstaltung über Anarchismus in Oranienburg. Höhepunkt ist jedoch die Demonstration, mit der wir am 10. Juli um 15 Uhr am S-Bahnhof Oranienburg auf kämpferische Weise an Mühsam erinnern und auf die starken Neonaziaktivitäten in Oranienburg und Umgebung hinweisen wollen.

F: Wie stark ist die rechte Szene in Oranienburg?

Die auffälligste Gruppierung ist der auch in anderen Teilen Brandenburgs aktive »Märkische Heimatschutz« (MHS) mit dem altbekannten Kader Gordon Reinholz an der Spitze. Dieser Verbund sogenannter Freier Kameradschaften geht im Rahmen seiner »Anti-Antifa«-Arbeit in jüngster Zeit verstärkt gegen Linke vor. Neben dem MHS ist in Oranienburg auch die NPD präsent. Es bestehen weiterhin die üblichen rechten Jugendcliquen und faschistoiden Tendenzen bei einem Teil der Bevölkerung.

F: Wie wird heute in Oranienburg mit Nazivergangenheit umgegangen?

Rechtslastige »Opferverbände des Kommunismus« bemühen sich verstärkt, das Gedenken an die KZ-Opfer mit einer Würdigung der Toten der sowjetischen NKWD-Lager nach 1945 zu vermischen. Wir Antifaschisten haben klarzustellen, daß rund 80 Prozent der Speziallagerinsassen nach 1945 Nazis waren. Ohnehin waren auch die NKWD-Speziallager nur Konsequenz der von den meisten Deutschen mitgetragenen brutalen Angriffskriege Nazideutschlands.

Infos im Internet: http://www.inforiot.de/muehsam (Link veraltet - chris)

Quelle: Junge Welt, 30.06.2004

Weblinks

Veranstaltungen

Uschi Otten: "den Tagen, die kommen, gewachsen zu sein" Die Lebensgeschichte Zenzl Muehsams in Briefen und Dokumenten - Im Anschluss Livemusik mit "Fromage Diatonique"

Der Lebensweg von Zenzl Muehsam, Frau des Anarchisten und Schriftstellers Erich Muehsam, gleicht einer Odyssee: von der Flucht aus Deutschland nach dem Tod ihres Mannes, ueber das Leben im Russischen Gulag, bis zu ihrer politischen Verfolgung durch DDR-Funktionaere. An den Editionen aus Muehsams Nachlass war sie entscheidend beteiligt. Uschi Otten ist Historikerin, Regisseurin und freischaffende Autorin und hat sich auf die Erforschung des Lebens von Zenzl Muehsam spezialisiert. Eine Gemeinschaftsveranstaltung mit der Frauengruppe "Las Loccas". (Vortrag und Diskussion, Eintritt frei) Freitag, 23. September 2005, 19 Uhr: Veranstaltungsort: Cafe Malatesta im Haus der Demokratie (Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin)

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