Wer Visionen hat

Version 21, 88.72.241.66 am 22.8.2006 14:50

Das ist das Schlusswort zur Nullnummer des Heftprojekts Fragend Voran

[External Image]

... sollte sich durch dieses Heft bestätigt fühlen. "Eine andere Welt ist möglich" – auch auf dem Gebiet der Befriedigung unserer Bedürfnisse auf wirtschaftliche Weise. Der Horizont der hier vorgestellten Visionen ist recht unterschiedlich. Bei den meisten geht es nicht nur darum, zu neuen Ufern des Lebens aufzubrechen, sondern auch darum, der Verschärfung der sozialen Lage zu widerstehen. Es zeigt sich, dass beides eng miteinander verbunden ist. Aber gerade weil die Lebenssituation für viele immer komplizierter wird, wird es nicht einfacher, über den Horizont des alltäglichen Überlebenskampfes hinaus zu blicken. Die Kraft einer einzelnen Person oder kleiner isolierter Gruppen reicht dann oft nur gerade dazu aus, innerhalb des Rahmen des Möglichen das Beste für sich heraus zu holen. Das ist, als würde man innerhalb eines Goldfischglases leben, das immer mehr Wasser verliert. Die Grenzen werden enger – aber ein Herausspringen erscheint noch riskanter. Es heißt dann oft "There is no alternative!" Außerdem bekommt man ja ständig eingehämmert, dass man nur lernen müsse, möglichst elegante Kurven zu schwimmen und möglichst viele der anderen ins Trockene zu drängen um weiter so leben zu können wie vorher. Es werden Rahmenbedingungen akzeptiert, "weil es schon immer so war" oder "weil es nur so geht". So wird oft einfach vorausgesetzt, dass nur essen darf, wer auch arbeitet oder sich jedem Arbeitszwang unterwirft. Oder dass es immer Handel mit einem über Geld vermittelten Austausch geben muss. Ein Totschlagsargument gegen Alternativen ist auch die Behauptung, nur die kapitalistische Wirtschaft würde Mangel und Not beheben können (dagegen siehe den Knappheits-Text). Auswege aus Problemen werden dann immer nur innerhalb dieser Rahmenbedingungen –innerhalb des dicken Glases, innerhalb von undurchdringlich scheinenden Mauern - gesucht.

[External Image]

Von denen, die in diesem Goldfischglas verharren, spüren einige die drohende Austrocknung noch nicht, aber andere sind schon an die Grenzen gestoßen und versuchen nun, diesen Schmerz durch Verdrängung und Verleugnung künftig zu vermeiden. Das ist verständlich. Aber es ist nicht die einzige Möglichkeit. In unserem Heft wird dafür plädiert, die Rahmenbedingungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Wir fordern ein schönes Leben für alle Menschen ohne Arbeitszwang, weil es möglich ist. Wir schauen durch das Glas hindurch, wie schauen über die scheinbar unüberwindlichen Mauern.

[External Image]

Es ist kein Zufall, dass jene, denen das gelingt, nicht mehr allein bleiben wollen und können. Bei der gegenseitigen Hilfe im wirtschaftlichem Bereich von der Überlebenshilfe bis zum Aufbau neuer Produktions- und Konsumtionsstrukturen erfolgt die Entwicklung neuer sozialer, gemeinsamer Strukturen. Eine andere Wirtschaftswelt ist möglich. Wir können auf jeden Fall schon einmal vorhandene Güter anders verteilen, mehrfach nutzen, sozial und ökologisch damit umgehen (Umsonstläden etc.), wir können auch brachliegende Ressourcen nutzen, aneignen und neue Tätigkeiten für unsre Bedürfnisbefriedigung entwickeln. Solange es noch Geld und Verteilungsmechanismen gibt, sollten wir so viel wie möglich davon fordern (Garantiertes Grundeinkommen), um eine Grundlage für die Entwicklung neuer Lebensformen zu haben. Dazu gehört der Aufbau einer alternativen ökonomischen Basis, die neben der kapitalistischen entsteht, uns von dieser unabhängig macht und damit unsere Erpressbarkeit beendet (Gratisökonomie, Solidarische Ökonomie).

Von allein sind diese Formen meist nicht subversiv und radikal, sondern könnten auch als Notstands- und Elendsbekämpfung innerhalb der Rahmenbedingungen durchgehen. Ob wir sie als Keimform des Neuen und Kraftquell des konsequenten Widerstands entwickeln, hängt von uns selbst ab. Bleiben unsere Alternativen nur Nischen innerhalb des Irrgartens der Mauern des Gegebenen? Enden sie in Sackgassen? Wenn wir das nicht wollen, wird der Horizont immer mehr aufzuweiten sein. Dazu ist Selbstkritik notwendig und immer wieder auch die Überschreitung des durch uns Geschaffenen. Im Mittelpunkt steht dabei kein abstraktes Modell, das zu verwirklichen wäre, sondern das Kriterium der Herrschaftsfreiheit ist die Möglichkeit jedes Menschen, seine Fähigkeiten und seine Bedürfnisse frei zu entfalten. "Solidarität" als eins der Kennzeichen der hier vertretenen alternativen Ökonomie ist dann keine äußerlich hinzukommende moralische Forderung an die Individuen, sondern die Lebensbedingungen ermöglichen es, dass sich jede Person in selbstbestimmter Kooperation mit beliebigen anderen frei entfalten kann und dabei zur Voraussetzung für die freie Entfaltung der anderen wird.

[External Image]

Wir können uns eine andere Welt vorstellen als Netzwerk von zigtausenden ineinandergreifenden Solidarökonomiebereichen. Wir werden vieles wegzuwerfen haben, was ökologisch schädlich ist oder die menschliche Emanzipation einengt. Anderes werden wir aufgreifen, umgestalten, umwidmen, für unsere Interessen nutzen. Das beginnt beim Grund und Boden und der Vielfalt der Lebensformen und endet nicht beim Kampf gegen die Privatisierung des Weltwissens. Wir können uns eine Welt vorstellen, in der die Menschen sich nicht mehr gegeneinander "verwirklichen" müssen, sondern gemeinsam entfalten können. Wir können die dazu gegebenen Möglichkeiten praktisch aufgreifen. Beginnend auch hier beim Naheliegenden, dem Umgang mit dem bereits Produzierten, der Forderung nach einem "Umsonst" der Konsumtion. Das geht dann weiter zur Übernahme der Produktion, was neben der Veränderung ihrer Zielfunktion auch ihre grundlegende strukturelle Veränderung bedeutet. Landwirtschaftlich, handwerklich, im "low tech"-Bereich, aber auch im "high tech"-Bereich gibt es hier viele Ansatzmöglichkeiten. Das Neue gegenüber früheren Debatten zur alternativen Ökonomie ist hier die jetzt besser gegebene Möglichkeit der Kombination solcher verschiedenen Ansätze (z.B. im Konzept Global Village, der Übernahme von Koordinationsprinzipien aus der Freien Software in verschiedene stofflich orientierte Produktionsnetzwerke etc...). Dadurch können frühere (auch scheinbare) technische Sachzwänge beseitigt werden. Insgesamt wird dabei nicht nur die Wirtschaft herrschaftsfrei, sondern auch die Herrschaft der Wirtschaft über das Leben kann beendet werden.

Was tun?

Einen ersten Schritt mit der Besinnung auf einige der grundsätzlichen Möglichkeiten haben wir hiermit getan. Was nun zu tun ist, kann nicht vorgeschrieben werden. Wie an den Inhalten dieses ganzen Heftes kann im Internet auch daran weiter gearbeitet werden. Die Diskussion dazu, was als nächstes konkret getan werden kann, beginnt dort mit folgenden Vorschlägen (von Thomas Kalka):

(1) Lasst uns eine Art "alternative yellow pages" aufbauen, in denen Menschen sich mit ihren Themen und Adressen veröffentlichen. Dies kann eine zentrale Stelle im Netz sein; dies kann aber auch ein Netzwerk von einzelnen Anlaufstellen sein, die in einem einfachen Format Adressen austauschen bzw. zur Verfügung stellen. Ansätze dazu sind zum Beispiel die BunteSeiten von Contraste.

(2) Arbeitet öffentlich. Eine Entwicklung zu solidarischer Ökonomie entsteht nicht durch Theorie, sondern durch Praxis. Lernen können wir ganz konkret nur durch eigene Versuche oder durch das Gespräch mit Menschen, die selbst nach neuen Wegen tasten.

Ich hoffe, wir erleben unsere Aktivitäten dabei nicht nur als anstrengend, sondern auch gegenseitige Bereicherung. Viel Spaß dabei.

Diskussion dazu

Steht vor allem im letzten Absatz zu oft vor dem "was tun?" ein "wir"? Wenn ichs umformuliere in "viele von uns" klingts aber auch wieder zu blöd..., oder?
Inhaltlich gemeint ist, dass "wir" die Möglichkeiten sehen, was noch nicht heißt, dass jede Person mit allem übereinstimmen muss oder etwas Bestimmtes zu machen hat...


Hi Annette, wie komme ich an ein heft vom aktuellen heft? - es ist ja wohl nicht alles in coforum, oder?

karl 1308

Lieber Karl es gibt auch eine wunderschöne Printausgabe des Heftes das du bei der Projektwerkstatt in Saasen bestellen kannst.

roland

Es gibt das Heft als PDF im Netz.

Das Heft ist unter der Adresse http://www.projektwerkstatt.de/heft ... nullnr2005_innen.pdf als PDF erhältlich.