Karl Linn

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Mensch


Aus CONTRASTE Nr. 250/251 (Sommer 2005)

COMMUNITY GARDENS

Ein "Anarchist" des Gaertners: Karl Linn

"Reclaim the Commons", fordert die Allmenden zurueck, sagte der alte Karl Linn (1923-2005) uns immer wieder, da er sich mehr Engagement in der stets virulenten Bodenfrage wuenschte. Als aus Deutschland vertriebener Jude wusste er aus eigner Erfahrung, wie noetig gerade Fluechtlinge Zugang zu einem Stueck Erde brauchen. Und damit meinte der Landschaftsarchitekt nicht einfach einen oeffentlichen Park, sondern einen mit anderen zusammen betriebenen Garten. Ein Stueck Land, auf dem Entwurzelte aus aller Herren Laender gemeinsam wieder Boden unter die Fuesse bekommen koennen.

Elisabeth Meyer-Renschhausen - Gross war er nicht, den alle einfach Karl nannten, und den in ihrem Nachruf ein Mitglied der arabischen Frauengruppe zu einem areligioesen Anarchisten ernannte, was in den USA in gewissen Kreisen einer Art Adelspraedikat gleichkommt. (1) Sie berichtet, dass Karl trotz Nazis nicht einmal gerne als juedisch klassifiziert werden wollte, denn er verstand sich als Weltbuerger.

Als Buerger der weltweiten Zivilgesellschaft, immer im Bemuehen Frieden zwischen miteinander Verfeindeten zu schaffen. Eine seiner letzten Initiativen war die Gruendung einer juedisch-arabischen-Freundschaftsgruppe. Diese "East Bay Dialogue Group" bemuehte sich - auch ueber Kalifornien hinaus - ein Gespraech zwischen Arabern und Juden anzufachen. Der Initiator hoffte, dass das schliesslich auch auf Israel und Palaestina ausstrahlen moechte.

Diese Friedensgruppe traf sich im Garten, denn waehrend seiner letzten Lebensjahrzehnte hatte Karl in Berkeley, in Kalifornien, wo er nun wohnte, ihm vorher ganz unbekannte Nachbarn davon ueberzeugt, gemeinsame Gaerten zu schaffen. Im stets 150%igen Einsatz fuer die Sache genierte sich Karl Linn keineswegs, etwa die Garten-Koordinatorin schon morgens um sieben Uhr anzurufen, um ihr durchzugeben, was sie an diesem Tage alles unbedingt zu unternehmen habe...

Arbeitsam - ja fast hyperaktiv - blieb Linn bis zuletzt selbst. Gewissermassen als Markenzeichen trug Karl stets einen breitrandigen Schlapphut - einem auf amerikanische Dimensionen erweiterten Kibbuzhut, eine Art Garden-Cowboyhut. Mit dieser beeindruckenden Kopfbedeckung war er bis kurz vor seinem Tod in den von ihm mit initiierten Community Gardens in Berkeley aktiv. Einer dieser Gaerten wurde anlaesslich seines 70.Geburtstages ihm zu Ehren in "Karl-Linn-Garden" umgetauft.

Karl war einer, der wenig von sich her machte, aber immer getrieben war von seinen Ideen und dabei viele andere mitzureissen in der Lage war, sogar dann, wenn sie das eigentlich gar nicht wollten. Ein herzlicher Mann, der mit anderen lachen, aber auch weinen konnte, einer, der nichts ausliess. Und so kam es wohl, dass der ruehrige Karl Linn in seinen letzten 40 Jahren zu einer Art Vater der nordamerikanischen Community Gardening Bewegung wurde, einer Bewegung, die ihre ersten groesseren Aufschwuenge in den 70er Jahren erlebt hatte und in den 90er Jahren zu einer zweiten wilden Bluete kam, die in vielen Staedten - wie u.a. New York City - in erbitterte Kaempfe zwischen den Gaertnern der bluehenden Paradiese und Investoren muendete.

Am 11. Maerz 2005 waere der Landschaftsarchitekt 82 Jahre alt geworden. Er erlag jedoch am 3. Februar seiner schweren Krebs-Krankheit und folgte damit zweien seiner drei aelteren Halbgeschwister, die beide kaum mehr als ein Jahr vor ihm gestorben waren. Theo Lin lebte als ein Physiker und Reformoekonom in Muenchen, hatte gar als Einzelkaempfer fuer das Europaparlament kandidiert, die andere, Bella Kalstein geb. Lin, bei Haifa in Israel. (2) Der dritte Bruder Henry Lin lebt wie auch Sohn und Stiefkinder an verschiedenen Orten in den USA.

Kindheit und Mutter

Das Licht der Welt erblickt hatte Linn 1923 in Brandenburg, in einem kleinen Dorf in der Naehe von Neuruppin, eineinhalb Autostunden noerdlich von Berlin. Das wunderbare war, schwaermte er aus seiner Kindheit, die Obstbaumbluete im Fruehjahr, zwischen 2.000 bluehenden Kirsch- und Apfelbaeumen sei man sich fast wie in einem Maerchenland vorgekommen... Diese Kindheitserinnerungen verdankte Karl seiner tatkraeftigen Mutter, Henny Lin, geborene Rosenthal (1885-1944). Henny war als einzige Tochter von vier Geschwistern einer - wie Schwester Bella sich gelegentlich ausdrueckte - "angesehenen juedischen Kaufmannsfamilie" in Berlin aufgewachsen. Nach ihrem Abitur arbeitete sie als eine der ersten weiblichen Prokuristinnen an der Berliner Boerse.

Dann aber sattelte Henny um und lernte in einer der ersten Frauengartenbauschulen der Welt, naemlich der "Obst- und Gartenbauschule fuer gebildete Maedchen und Frauen" von Elvira Castner in Berlin-Marienfelde den Gaertnerinnen-Beruf. Nach abgeschlossener Ausbildung schloss sie einen Praktikumsaufenhalt in einem Waisenhaus in Belgien an. Sie war begeistert von den Ideen einer sanften Gesellschaftsreform, wie sie sie von Lily Braun oder Karl Landauer kennen gelernt hatte. Und sie war ueberzeugt von den reformpaedagogischen Ideen ihrer Zeit, wie u.a. Gustav Wyneken (1875-1964) sie formuliert hatte. Ihr schwebte vor, ihren geplanten Gaertnerhof fuer Waisen und behinderte Kinder zu oeffnen.

Kurz vor dem I. Weltkrieg kaufte Henny ein Stueck Bodenreformland. Bereits 1913 zog sie zusammen mit ihrer Mutter in das noch gar nicht ganz fertige Haus. Henny war keineswegs die einzige Abiturientin, die "zurueck aufs Land" ging. Die verbreitete Erwerbslosigkeit und die damit verbundene Not bis hinein ins Bildungsbuergertum, hatte dazu gefuehrt, dass in Europa Bodenreformgesellschaften Land zum Siedeln kauften. Um 1900 kritisierten namhafte Intellektuelle wie Max Weber oder Franz Oppenheim scharf die Politik der staatlichen Subventionierung halbbankrotter Rittergutsbetriebe und empfahlen eine Politik der Bodenreform. 1912 hatte die in Franfurt an der Oder ansaessige Landgesellschaft "Eigene Scholle" ein Rittergut aufgekauft und das Land dann an ein Dutzend Siedlungswillige weiterverkauft.

Henny Rosenthal richtete auf ihren 20 Morgen eine Erwerbsgaertnerei ein. Sie nannte ihn "Immenhof", denn Bienenstoecke gehoerten zwecks Bestaeubung der Obstbaeume dazu. Ihr Betrieb wurde bald als Mustergut ausgezeichnet. Die junge Berlinerin betrieb ihre Gaertnerei mit Hilfe oertlicher Arbeitskraefte, meistens Frauen. Sie legte Wert auf Gemeinschaft und daher assen sie und ihre Arbeiterinnen gemeinsam. Henny Rosenthal blieb aber auch mit ihren Freunden, Berliner Intellektuellen, in Kontakt und lernte so den Bibliothekar der juedischen Gemeinde, Jossel Lin, kennen. 1922 heiratete sie den Witwer und nahm seine drei Kinder aus dem Internat heraus zu sich, bevor dann ihr eigener Sohn geboren wurde.

Vertreibung und Flucht

Gleich nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde der Gartenbaupionierin eroeffnet, dass man ihr Obst und Gemuese nicht mehr abkaufen duerfe. "Kauft nicht bei Juden", hatten die Nazis verfuegt. Nach einer brutalen und schikanoesen Hausdurchsuchung bereits im April 1933 fluechtete ihr Mann, dem als russischem Juden mitsamt seinen Kindern die preussische Staatszugehoerigkeit aberkannt worden war, mit den aelteren Kindern nach Israel. Henny Rosenthal blieb mit Tochter Bella und Sohn Karl noch ein weiteres Jahr, um ihren Hof zu verkaufen. Sie bekam ein Achtel des tatsaechlichen Werts vom Sohn des reichen Gastwirts, der die eigene Landwirtschaft unaufgeteilt dem aelteren Sohn vermachen wollte.

Nach einem langen Jahr voller Angst vor dem Terror der Dorfbewohner bzw. weiteren Hausdurchsuchungen gelang es auch Henny - nach einer unfreiwilligen Wartezeit in Italien - mit Bella und Karl nach Israel zu gehen. Sie blieben bei der Landwirtschaft. Auch die Tochter Bella hatte in Berlin-Dahlem bereits das Gaertnern erlernt. Die juedische Treuhand hatte seit der Jahrhundertwende Land in Palaestina gekauft, um verfolgte Juden aus Europa dort ansiedeln zu koennen.

Nach einer landwirtschaftlichen Lehre und einem Studium der Landschaftsarchitektur verliess Karl - nach dem fruehen Tod der Mutter 1944 - Israel, weil ihn der Umgang der Zionisten mit den arabischen Felachen schmerzlich an denjenigen der Nazis mit seiner Familie erinnerte. Er ging in die Schweiz, um sich bei Wilhelm Reich als Psychoanalytiker fuer Kinder ausbilden zu lassen. Von dort kam Karl in die USA. Er arbeitete erst als Kindertherapeut dann aber als freier Landschaftsarchitekt an zahlreichen Orten u.a. in Chicago, an der Ostkueste in Philadelphia und New York.

Der Vater der Community Gardeners

Ab 1959 unterrichtete Karl Linn Landschaftsarchitektur an der University of Pennsylvania. Zunehmend interessierte ihn, wie auch wenig Verdienenden vermehrter Zugang zu oeffentlichem Gruen zu verschaffen sei. So wurde Karl Linn zu einem der Initiatoren der Nachbarschafts-Gaerten-Bewegung. Gruppen von Nachbarn verwandelten ab den fruehen 70er Jahren in ehrenamtlicher Arbeit innerstaedtische Brachen in gruene Oasen fuer alle. Seit den 90er Jahren hat die Nachbarschaftsgaertnerei besonders in den Ghettos der Neuzuwanderer neuen Aufschwung erfahren. Seither geht es in der Bewegung der Community Gardens Nordamerikas explizit um den Gemueseanbau fuer die Selbstversorgung. Seit 1993 war Karl massgeblich daran beteiligt, in seinem Wohnort Berkeley Flaechen auf Tunneleingangsgrundstuecken der lokalen U-Bahn durch Gemeinschaftsgaerten in bildschoene Paradiese zu verwandeln. Einer dieser Nachbarschaftsgaerten, wurde anlaesslich seines 70.sten Geburtstages ihm zu Ehren in "Karl Linn Garden" umbenannt.

Nachbarn und Nachbarinnen aus ganz verschiedenen Milieus hatten hier in gemeinsamer Arbeit einen Minipark mit Gemuese geschaffen. Die einzelnen Beete sind als Hochbeete mit Granitkieswegen dazwischen angelegt, so dass Rollstuhlfahrer zwischen ihnen voellige Bewegungsfreiheit haben. In der Mitte des Karl-Linn-Gartens laedt eine an den spanischen Architekt Gaudi erinnernde Sitzbankskulptur in Form einer kreisfoermigen Schlange zum Plaudern ein, am Eingang besticht ein kuenstlerisch gestaltetes schmiedeeisernes Tor die Eintretenden. Kunst, Blumen und die naehrende Nuetzlichkeit des Gemueseanbaus gehoeren hier eng zusammen. Denn dass Gemuese nicht einfach nur naehrt, sondern je nach Anbauweisen einzelne Gemuese auch Einfluss auf den Gemuetszustand der Menschen haben, sind Weisheiten, die Karl Linn von den Anthroposophen unter den kalifornischen Esoterikern gelernt hat.

Aber vor allem ging es Karl Linn um Gerechtigkeit, darum, dass alle Menschen ein Anrecht auf Schoenheit haben, auch die Armen. Auch Menschen ohne Geld brauchen den Zugang zu einem Flecken Gruen, einem Stueckchen Erde, in dem sie selbst graben koennen - auch und gerade inmitten der Grossstadt. Aber wie erschrocken waren Karl und seine Mitgaertner, als sie bemerken mussten, dass ihr unentgeltliches Engagement von anliegenden Hausbewohnern und Mietshausgesellschaften direkt, die dazu benutzt wurde, Preise fuer ihre Haeuser und Wohnungen immer hoeher zu setzen. Ein Hausbesitzer, der direkt an den drei Tunneleingangs-Gaerten wohnte, setzt jedes mal, wenn einer der Gaerten wieder fertig wurde, den Verkaufspreis fuer sein heruntergekommenes Haus hoeher. Schliesslich wurden farbige Anwohner oder Alleinerziehende, die sich mit genau so viel Verve beim Aufbau ihrer Gemeinschaftsgaerten engagiert hatten, durch das solchermassen Hochtreiben der Mieten aus dem Quartier vertrieben.

Seither hielt Karl Linn die Eingliederung der Community-Gardening-Bewegung in den internationalen Kampf der Globalisierungs-Kritiker fuer unabdingbar. "Reclaim the Commons", "Fordert die Allmenden zurueck" empfahl er - genauer gesagt: befahl - er seither seinen Mit-Gemeinschaftsgaertnern, wie beispielsweise auf seiner Rede auf dem Kongress der American Community Gardening Association in New York City Ende Juli 2001. Als Migrant wider Willen wusste er genau, wie wichtig es ist, dass auch Menschen ohne Grundbesitz die Moeglichkeit haben, in wohnungsnahem Gruen die Seele wieder aufpaeppeln zu koennen, sich beim Blumenpflanzen, Unkrautzupfen und Gemueseernten gewissermassen zu erden und dabei einen zwanglosen Umgang mit der Nachbarschaft ueber alle sozialen und ethnischen Barrieren hinweg pflegen zu koennen. Er wusste, dass die Nachbarschaftsgaerten eine vorzuegliche Voraussetzung fuer ein angst- und vorurteilsfreies Wohnen miteinander sind. Und er erinnerte sich seiner Mutter und den therapeutischen und erzieherischen Wert des in-der-Erde-Grabens. Die Verteidigung von innerstaedtischen gemeinschaftlich begruenten Flaechen und ihren Erhalt hielt Karl Linn fuer eines der wichtigsten Aufgaben der Zukunft.

Seine letzten Jahre arbeitete er daran, dass die Gemeinschaftsgaerten in den Bebauungs-Plan der Stadt Berkeley aufgenommen wuerden. Vorbild war die Stadt Seattle, die als erste Kommune in den USA ihre Nachbarschaftsgaerten in den B-Plan aufgenommen hat.

Ich danke Joerg Hollricher, Berlin, fuer das zur Verfuegung stellen seines Karl-Linn-Archivs

1) http://bedouina.typepad.com.doves_eye/2005/05/karl_linn.htlm

2) Karl Linn hat das zweite "n" seinem Namen spaeter mit Ruecksicht auf seine erste Schwiegermutter beigefuegt.


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