Entfremdung1

Version 22, 80.137.79.34 am 16.4.2006 21:14
thomas:

Das hier schein ein Ausschnitt aus einem Buch zu sein. Weis jemand, welches ?


Die Propheten des Alten Testaments verwarfen die heidnischen Religionen nicht in erster Linie als »Abgötterei«, weil sie mehrere Götter anstatt des Einen anbeteten. Der wesentliche Unterschied zwischen Monotheismus und Polytheismus liegt nicht in der Zahl der Gottheiten, sondern in der Tatsache der Selbstentfremdung. Der Mensch verwendet seine Energie, sein künstlerisches Können daran, ein Idol zu bilden, und dann betet er diesen Abgott an, der doch nichts andres ist als das Gebilde seiner Hände. Seine Lebenskräfte sind in ein »Ding« eingeströmt, und dieses Ding, zum Idol geworden, wird nicht als das Ergebnis der eigenen, schöpferischen Anstrengung erlebt, sondern als etwas außer ihm, dem Menschen, als über ihm, ja gegen ihn; etwas, das er anbetet und dem er sich unterwirft. Hosea spricht es so aus: »Assur soll uns nicht helfen; wir wollen nicht mehr auf Rossen reiten, auch nicht mehr sagen zu den Werken unsrer Hände: >Ihr seid unsre Götter; sondern laß die Waisen in dir Gnade finden.« Der Mensch der Abgötterei beugt sich vor dem Werk seiner eigenen Hände. Das Idol stellt seine eigenen Lebenskräfte in entfremdeter Form dar.

Im Gegensatz dazu sagt das Prinzip des Monotheismus, daß der Mensch unendlich ist; daß ihm keine Teil-Eigenschaft innewohnt, die er an Stelle des Ganzen setzen kann. In der monotheistischen Religion ist Gott der Unerkennbare, der Unnennbare; er ist kein »Ding«. Wenn der Mensch zu Gottes Ebenbild erschaffen ist, dann als Träger unendlicher Eigen- schaften. In der Abgötterei beugt und erniedrigt sich der Mensch vor der Projektion einer Teil-Eigenschaft seiner selbst. Er empfindet sich nicht selber als eine Mitte, von der lebendige Taten der Liebe und der Vernunft ausstrahlen. Er wird ein Ding, sein Nächster wird ihm ein Ding, wie seine Götter Dinge sind. »Der Heiden Götzen sind Silber und Gold, von Men- schenhänden gemacht. Sie haben Mäuler und reden nicht; sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht; auch ist kein Odem in ihrem Munde. Die solche machen, sind gleich also; alle, die auf solche hoffen.« (Psalm 135).

Die monotheistischen Religionen haben sich weitgehend selbst zur Ab- götterei zurückentwickelt. Der Mensch projiziert seine Fähigkeit der Liebe und der Vernunft auf Gott. Er empfindet sie nicht mehr als seine eigenen Kräfte und betet zu Gott, er möge ihm etwas von dem wiedergeben, was er selbst auf Gott projiziert hat. Im Frühprotestantismus und im Cal- vinismus besteht die; vom Menschen geforderte religiöse Haltung darin, daß er sich leer und armselig fühlen und sein Vertrauen auf die Gnade Gottes richten soll - das heißt, auf die Hoffnung, daß Gott ihm einen Teil seiner, des Menschen, eigenen Eigenschaften, die er Gott verliehen hat, zurückgeben werde.

Jeder Akt der unterwürfigen Anbetung ist ein Vorgang der Selbst- entfremdung und Abgötterei in diesem Sinn. Was häufig »Liebe« genannt wird, ist oft nichts andres als dieses Phänomen der abgöttischen Entfrem- dung, nur daß nicht Gott oder ein Idol, sondern eine andre Person auf diese Weise angebetet wird. Die »liebende« Person dieses Typus der unter- würfigen Beziehungen projiziert all ihre Liebe, Stärke, Denkkraft auf den {Seite 112} geliebten Menschen als ein überlegenes Wesen und findet Befriedigung in vollständiger Unterwerfung und Anbetung. Dies bedeutet nicht nur, daß sie ihn nicht als ihn selber in der vollen Realität seines Wesens erlebt, sondern auch, daß sie sich selbst in ihrer ganzen Wirklichkeit als Träger schöpferischer menschlicher Kräfte fremd bleibt. Genau wie im Falle der religiösen Abgötterei, hat der so Liebende seinen inneren Reichtum auf den andern Menschen übertragen, und er erlebt diese Fülle nicht mehr als etwas, was sein eigen ist, sondern als etwas außer ihm, eingebettet in einem andern, als etwas, womit er nur durch Unterwerfung oder durch Auf- gehen im vergötterten Menschen in Fühlung kommen kann. Dasselbe Phä- nomen finden wir bei der anbetenden Unterwerfung unter einen politischen Führer oder den Staat. Sowohl der Führer als das Staatswesen sind in Wahrheit das, was sie sind, nur durch Zustimmung der Regierten. Aber sie werden zu Idolen, wenn das Individuum all seine Kräfte auf sie pro- jiziert und sie anbetet in der Hoffnung, durch diese Unterwerfung und Anbetung etwas davon wiederzuerlangen.

In Rousseaus Staatstheorie soll, ganz wie im modernen totalitären Staat, das Individuum auf seine eigenen Rechte verzichten und sie auf den Staat als den einzigen Schiedsrichter übertragen. Unter dem Faschismus und dem Stalinismus verrichtet das sich selber völlig entfremdete Indi- viduum seine Andacht vor dem Altar eines Idols, und es macht wenig Unterschied, wie dieses genannt wird: Staat, Klasse, Kollektivität oder was sonst.

Wir können von Abgötterei oder Entfremdung nicht nur in der Bezie- hung zu andern sprechen; vielmehr gibt es das auch in der Beziehung zum eigenen Ich, wenn ein Mensch irrationalen Leidenschaften unterworfen ist. Wenn jemand hauptsächlich durch Machtbegierde angetrieben ist, dann empfindet er sich selber nicht mehr in der Fülle und der Begrenzung eines menschlichen Wesens: er wird der Sklave eines Teil-Strebens seines Innern, das er auf äußere Ziele richtet, von denen er »besessen« ist. Ein Mensch, der sich ausschließlich seiner Geldsucht hingibt, wird von ihr »be- sessen«; das Geld ist zum Götzen geworden, den er anbetet als die Pro- jektion eines isolierten Triebes in seinem Innern, nämlich seiner Begierde darnach. In diesem Sinne ist der Neurotiker eine sich selbst entfremdete Person. Seine Handlungen sind nicht wirklich die seinen: er lebt in der Illusion, das zu tun, was er will; in Wahrheit wird er angetrieben von Kräften, die sich von seinem Selbst getrennt haben und hinter seinem Rücken arbeiten. Er ist sich selber ein Fremder, genau wie sein Nächster {Seite 113} ihm fremd ist. Er erlebt den andern und sich selbst nicht als die, die sie in Wirklichkeit sind, sondern verzerrt durch die unbewußt wirkenden Kräfte. Der Geisteskranke ist der absolut sich selbst entfremdete Mensch. Er hat sein Ich als Mittelpunkt seiner Erfahrungen völlig verloren und damit das Gefühl seiner selbst.

Was allen diesen Erscheinungen gemeinsam ist - der Anbetung von Idolen, der abgöttischen Gottesverehrung, der vergötternden Liebe zu einem Menschen, der Vergötzung eines politischen Führers oder des Staats und der gehorsamen Unterwerfung unter irrationale Leidenschaften - das ist der Prozeß der Entfremdung. Zugrunde liegt die Tatsache, daß der Mensch sich nicht als den aktiven Träger seines eigenen Krä ftereichtums empfindet, sondern als ein armseliges »Ding«, abhängig von Mächten außerhalb seiner selbst, auf die er seine lebendige Substanz übertragen hat.

Wie der Vergleich mit der Abgötterei andeutet, ist die Entfremdung keineswegs ein modernes Problem. Es würde weit über den Umfang dieses Buches hinausgehen, wollte ich versuchen, die Geschichte der Entfremdung zu skizzieren. Hier mag es genügen zu sagen, daß die Art der Entfrem- dung von Kultur zu Kultur verschieden ist, sowohl hinsichtlich der spezi- fischen Bereiche, in denen Selbstentfremdung stattfindet, als in der Gründ- lichkeit und Vollständigkeit des Vorgangs.

Die Entfremdung, wie wir sie in der modernen Gesellschaft finden, ist beinahe total. Sie durchdringt die Beziehung des Menschen zu seiner Arbeit, zu den Dingen, die er verbraucht, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst. Der Mensch hat eine Welt von Dingen aus Menschenhand geschaffen, wie es sie niemals vorher gegeben hat. Er hat eine komplizierte Gesellschaftsmaschinerie errichtet, um den von ihm aufgebauten techni- schen Apparat zu verwalten. Dennoch steht diese, seine eigene Schöpfung hoch über ihm. Er empfindet sich nicht als ihren Urheber und Mittelpunkt, sondern als den Diener eines Golem, den seine Hände erschaffen haben. Je gewaltiger und riesenhafter die Mächte sind, die er entfesselt, desto ohnmächtiger fühlt er sich selbst als menschliches Wesen. Seine eigene Schöpfung besitzt ihn, während er den Besitz seiner selbst verloren hat. Er hat sich ein goldenes Kalb geschaffen und sagt: »Dies sind die Götter, die euch aus Agypten geführt haben.«

sigi:

entfremdung ist, wenn die dinge nicht mehr den menschen dienen, sondern die menschen den dingen dienen.

thomas:

Nein. Entfremdung ist schon, wenn es Diener und Bediente gibt. Dann gibt es nicht mehr den Teil als Spiegel des Ganzen sondern Herrscher und Beherrschte. Gib mal ein Beispiel, wo Menschen Dingen dienen.

sigi:

dein "nein" ist schon eine entfremdung, wo von natur aus eigentlich ein zusammenhang besteht . ebenso, eine bitte in befehlsform zu kleiden (kann man unter freunden machen, aber stehen wir uns nicht eher noch fremd gegenüber?) . also z.b. jeder der eine maschine bedient, die ihm nicht gehört . das kann auch ein götzenbild (abgott) sein, wie man ja generell vom moloch technik spricht (dem dann die kinder geopfert werden (keine stressfreie kindheit (wie bei den naturvölkern) mehr), der uns also schon von kindheit an entfremdet gegenüber tritt) . aber du hast recht, ursprünglich war der entfremdet, der in gefangenschaft oder sklaverei geriet, also aus seiner heimat verschleppt wurde . von daher ist auch der fremde nur in der fremde ein fremder, wie uwe so schön zitiert . oder wie es zum abschluss des artikels so schön ironisch heißt: dies sind die götter, die euch aus ägypten (entfremdung = versklavung) geführt haben (dies ist die verinnerlichung eurer entfremdung) .