Getreidefest am Hof Ulenkrug

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Daten
d: 2005

aus Contraste Nr. 259 (April 2006)

GETREIDEFEST AM HOF ULENKRUG

Von den alten Sorten

Die Idee, alte Getreidesorten anzubauen, haben wir vor allem aus Frankreich importiert. Seit einigen Jahren haben sich dort sogenannte "Baeckerbauern" zusammengeschlossen, die ihr Getreide selbst vermahlen und verbacken. Sie haben festgestellt, dass sie mit den modernen Getreidesorten, die auf eine hohe Produktivitaet bei Verwendung von viel Kunstduenger gezuechtet sind, nicht mehr das gleiche Brot backen koennen, wie mit ihren alten Sorten.

Longo Mai, Hof Ulenkrug - Dazu kam die Herausforderung, dass viele alten Sorten nicht mehr zugelassen sind, waehrend Saatgutkonzerne die Moeglichkeit erhielten, ihre Sorten patentieren zu lassen. Diese Abhaengigkeit hat den Baeckerbauern nicht gepasst und sie sind der Meinung, dass die alten regionalen Landsorten weitaus bekoemmlicher sind. Sie haben begonnen, ueberall alte Landsorten zu suchen und bauen inzwischen einige hundert davon wieder neu an. Der zweite Anreiz kam von dem in Brandenburg ansaessigen Verein "VERN", der nun schon waehrend zehn Jahren alte Sorten aus der Genbank vermehrt und im Anbau getestet hat. Von ihm erhielten wir auch groessere Mengen alter Weizen-, Gerste- und Roggensorten, die frueher einmal hier im sandigen, rauen Norden angebaut wurden.

Im Juni letzten Jahres fand auf unserem Hof das erste deutsch-franzoesische Baeckerbauern-Treffen mit Bolo und Jean-Fran‡ois aus Frankreich, Baecker Felix aus Berlin, Rudi von VERN und Baeckerfreunden aus der Region statt. Drei Tage lang haben wir alte Sorten begutachtet, gelernt, wie ein Teig verarbeitet wird, der auch ohne chemische Zusatzstoffe "aufgeht" und wie die verschiedenen Getreidesorten im Brot zu Geschmack werden.

Im Herbst konnten wir die Ernte von ungefaehr vierzig verschiedenen alten Getreidearten und -sorten mit unserem Getreidefest feiern. Selbst die Hirse hat sich kurz vor dem Fest doch noch entschieden, ihre kleinen, kugelrunden Samen reifen zu lassen. Vielleicht ist sie beleidigt, dass sie heute nur noch als Vogelfutter begehrt ist und die Zeit, in der sie den Menschen so wichtig war, ganz in Vergessenheit geraten ist. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie in diesem Sommer staendig kalte und nasse Fuesse gehabt hat. Das mag sie gar nicht, die Suedlaenderin. Unsere armen sandigen Boeden hingegen haben ihr nun zu unserer Verwunderung behagt. Inzwischen essen die Kinder den suessen Brei gern, bevor sie sich im noch halbdunklen Nebel auf ihre Drahtesel setzen, um lesen und schreiben zu lernen.

Wir koennten nun anfangen, Euch die Geschichten von all den vierzig Pflanzen zu erzaehlen. Aber wir wissen nur einen kleinen, bzw. sehr kleinen Teil davon, denn ihre Geschichten sind lang. Manche sind einiges aelter als die Doerfer in unserer Umgebung, die gerade ihre 750-Jahrfeier vorbereiten, bevor sie wohl fuer einige Zeit von der Karte verschwinden. Entschuldigt diese duestere Ankuendigung - aber wenn die Schulen schliessen, dann bleibt nur die Wahl zwischen Analphabetismus und Auswanderung.

Das Einkorn, wohl die aelteste Weizenart, hat in seiner achttausendjaehrigen Geschichte schon manche Schulen ueberlebt. Es ist entstanden, als die Menschen anfingen, sesshaft zu werden und bei ihren ersten Ackerbauversuchen mit den Pflanzen einen Vertrag schlossen: Wir pflegen euch nach euren Wuenschen und ihr ernaehrt uns. Eine ganz neue Welt entstand durch diesen Vertrag. Dabei haben die Pflanzen erstaunliche Faehigkeiten gezeigt, sich mit den Beduerfnissen der Menschen zu entwickeln. Es war aber niemals vereinbart, dass Weizen an einer Boerse gehandelt wird, Sorten verboten werden, dass sie "reinrassig" auftreten muessen, privatisiert werden, um fuer die Macht von Konzernen zu wachsen, dass ihre Vorfahren, die Unkraeuter, chemisch vernichtet und sie selbst mit Erbmaterial von Fischen, Bakterien oder Elefanten vergewaltigt werden - was hierzulande Regierungsprogramm geworden ist.

Der Hunger auf der Welt hat sich in den letzten vierzig Jahren - in denen wir in Europa aus dem Vollen schoepften - weltweit verdoppelt, weil 80% der Nutzpflanzen in den letzten hundert Jahren nahezu verschwunden sind und von Monokulturen ersetzt wurden. Diese Kulturen haben nichts mehr mit den einheimischen Pflanzen und den Essgewohnheiten der Menschen gemein und werden, selbst von den aermsten Laendern der Welt, nur fuer den Export angebaut - um deren angebliche Schulden bei den reichen Laendern zu bezahlen. Millionen Menschen sind deshalb in die Staedte gefluechtet oder sind noch immer auf der Flucht, irgendwo in der Welt. Die Geschichte der Sesshaftigkeit der Menschen, die vor achttausend Jahren begann, scheint ihrem Ende entgegen zu gehen.

Lieber Saddek, Du hast uns im Sommer die Maerchen von "Tausend und einer Nacht" erzaehlt, zumindest ein bisschen daraus, in einer Nacht. Es braeuchte ganz viele wie Dich, die diese Geschichten der Menschen und der Pflanzen wieder erzaehlen, und noch viele mehr, die auch zuhoeren wollen. Das Einkorn entstand in Mesopotamien, genau dort, wo heute alles zerstoert wird, um eine "Demokratie" einzufuehren. Die Wiege unseres Getreides ist ein Pulverfass, und die Samenbank des Irak wurde im Krieg gestohlen, mit ihr der Ursprung des Einkorns. Heute wird nur noch amerikanisches Saatgut ausgesaet, genmanipuliert oder nicht.

Weit entfernt von Mesopotamien zeigten wir am Getreidefest die bunte Ausstellung von "unseren" vierzig vergessenen Getreidesorten - blaue, schwarze, gelbe oder rote Koerner, Aehren mit langen Baerten, nackte Gerste und nackter Hafer oder dick bespelzter Dinkel und Emmer. Dazu zeigten wir auch unser neues Getreidelager, die dicken Lehmwaende, welche Temperatur und Feuchtigkeit konstant halten, die Lagerkisten, die mit einem Geblaese belueftet werden koennen und unsere uralten Maschinen, um das Getreide zu reinigen und zu sortieren. All das gehoert dazu, um aus der Ernte neues Saatgut zu gewinnen und um unser Brotgetreide sicher vor Maeusen und sonstigen uneingeladenen Feinschmeckern zu schuetzen. Claudia, unsere Baeckerin und einige experimentierfreudige BaeckerInnen der Region haben aus Champagnerroggen oder Dickkopfweizen schmackhafte Brote gebacken.

Vielleicht trifft ja das zu, was John Berger in seinem Buch "SauErde - Geschichten vom Lande" schreibt: "Die bemerkenswerte Bestaendigkeit baeuerlicher Erfahrungen und baeuerlicher Weltsicht gewinnt im Moment, da sie von der Ausloeschung bedroht ist, eine beispiellose und unerwartete Wichtigkeit".

So weit ist es allerdings noch nicht. Es braucht ganz viele Menschen, die bereit sind, mit viel Geduld die vergessenen Sorten weltweit wiederzufinden und ihre Samen als Mittel zum Leben zu vermehren.