Wole Soyinkas Anarchismus

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Das Folgende ist eine Übersetzung aus dem Essay: Towards a Vibrant & Broad African-Based Anarchism source: http://www.newformulation.org/3alston.htm#12, Übersetzung ins Deutsche: JohSt

Der Essay setzt sich mit Soyinkas literarischen Schaffen auseinander und den Perspektiven, die er aus den mythischen Stoffen und rituellen Techniken seiner, der Yorubakultur, entwickelt und die er, stellvertretend für andere indigene Kulturen, als emanzipatorisches Potential geltend macht.

Wole Soyinkas Anarchismus

Von Ashanti Alston

"Post-Colonial African Theory and Practice" von Joseph Walunywa, einem kenianischen Studenten, geschrieben zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie in Englisch an der Syracuse Universität in New York, war ein seltener Fund. Schwarze und afrikanische Autoren, die das Thema Anarchismus behandeln, sind anscheinend selten.

Wole Soyinka, der erste Afrikaner, der einen Nobelpreis gewonnen hat (1986, für Literatur), ist eine schillernde Figur. Er wuchs als ein relativ priveligierter Nigerianer innerhalb der Yorubakultur heran, wurde teilweise christlich erzogen und erhielt eine westliche Schulbildung. Während er Gestalten der westlichen Literatur wie Nietzsche, Bertold Brecht und G. Wilson Knight einiges verdankte, wurde ebenso von Frantz Fanon, Kwame Nkrumah, Amilcar Cabral, Julius Nyerere beeinflußt und er war vertraut mit den Schriften anarchistischer Denker, wie Pierre Proudhon, Tolstoi, Ghandi, Albert Camus und Ignazio Silone.(1) Aber seine philosophischen Wurzeln sind tief in der afrikanischen-, namentlich der Yoruba-Mythologie und Kultur eingebettet.(2) Es ist in dieser yoruba- und westlichen Neuinterpretation afrikanischer Mythen, wo Walunywa den nicht allzu versteckten Anarchismus entdeckt.

Soyinkas dramatisches Werk enthält: Dance of the Forests, Death and the King's Horseman, Madmen and Specialists; seine Lyrik, Idanre and Other Poems; Autobiographie, Ake: the Years of Childhood (deutsch Ake- Eine Kindheit); einen Roman, The Interpreters; Literatur- und Kulturkritik, Myth, Literature and the African World; und politische Kritik, The Open Sore of a Continent.

Seine Fähigkeit sowohl mit griechischen, als auch Yorubadramen- und Tragödienthemen zu spielen, hat sein Werk einzigartig gemacht. Seine Analyse der postkolonialen Absurditäten nigerianischer und afrikanischer Machtdynamiken und seine Forderung nach einer "organischen Revolution", die ihre Authentizität von der Mythologie der Yoruba herleitet, hat Widerspruch hervorgerufen. Als beispielsweise der sechsundzwanzigjährige Soyinka 1960 in das gerade nominell von England unabhängig gewordene Nigeria zurückkehrte, lies er sein neues Theaterstück Dance in the Forest zeitgleich mit den offiziellen Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit ansetzen. Das brachte ihn sofort in Verruf und zwar sowohl bei den neueingesetzten Führern des Landes, als auch bei vielen ihm vertrauten Intellektuellen. Das Stück dreht sich um den "immer wiederkehrenden Kreislauf von Stupidität", d.h. die chronische Verlogenheit und den Machtmißbrauch, den der Kolonialismus Generationen von einheimischen politischen Führern und Funktionären anerzogen hatte. Genau wie Fanon und Nkrumah wagte er es, Klassenwidersprüche und andere Fallgruben des Nationalismus und Neokolonialismus offen aufzuzeigen. Er behielt seine Kritik und Visionsfähigkeit, in mehr als vierzig Jahren als Künstler und Bürger-Rebell.

Durch Aufzählung der Yorubamythen und ritueller Dramen in Darstellung und Stücken, von denen Soyinkas Werk durchzogen ist, versucht Walunywa zu demonstrieren, wie anarchistische Themen immer wiederkehren. Aufregend. Kann tragisches oder rituelles Drama in "endogenen" (Begriff von Walunywa) Gesellschaften ein Mittel für eine anarchische Regeneration sein und eine Praxis des "kreativ-destruktiven Prinzips" im heutigen Leben? Hat das Parallelen in postindustriellen Gesellschaften, insbesondere den Vereinigten Staaten, die "gefangene Nationen" (d. A.) in sich eingeschlossen hat, darunter schwarze, mexikano- und native amerikanische Nationen? Walunywa hält eine Definition des Anarchismus bereit, die auf der afrikanischen Realität basiert und überraschenderweise auf dem rituellen oder tragischen Drama. Ich würde seine Arbeit bezeichnen als "Ein Anarchismus definiert durch das rituelle Drama der endogenen Gesellschaft." Seine 313-seitige Dissertation enthielt eine Herausforderung: während ich im allgemeinen mit der bekannten afrikanischen Literatur und ihren Autoren vertraut bin, war ich weniger vertraut mit dem spezifischen literarischen und künstlerischen Gebrauch von Begriffen wie Drama, Ritual, Tragödie, ursprünglich (primordial), Archetyp, Abgrund (abyss), promethisch, Apollo, Dionysus, etc. und der Yorubamythologie, von der Soyinkas gesamtes Werk durchtränkt ist.

Ein Schlüssel zum Verständnis von Walunywas Expose ist seine Definition von Anarchismus: "Wie ich den Begriff Anarchismus in dieser Studie verwende, bezieht er sich auf eine spezifische Form von Anarchismus, von der ich glaube, daß sie Soyinka in den intellektuellen Diskurs Afrikas eingeführt hat ... Anarchismus wird definiert als das Verlangen des Individuums, das soziale, ökonomische und politische Institutionen, die Werte der "modernen Zivilisation" - hervorgebracht durch herrschende Ideologien - reflektieren, dekonsturieren möchte, um den Weg frei zu haben für die Regenerierung "ursprünglicher Kultur", hervorgebracht durch die "Kosmologien" 'endogener' Gesellschaften.(3) Es ist der konsequente Widerstand, der Drang, durch alle Gewalten hindurchzubrechen -unabhängig davon, ob sie von 'Links' oder 'Rechts' sich herleiten- die entweder das Individuum oder die Gesellschaft innerhalb irgendwelcher etablierter sozialer, ökonomischer, oder politischer Barrieren zu befrieden versuchen." (4)

Bei "endogenen Gesellschaften" möchte man "indigene" denken, mit Walunywas Fokus auf die Rolle der mythologischen oder symbolischen Ordnungen innerhalb dieser Gesellschaften. Er bezieht sich auf die spezifischen mythologischen oder symbolischen Praktiken, die vor der Einführung der kolonialistischen europäischen Moderne rund um die Welt existierten und die Teil von Kulturen sind, die fortfahren sich zu widersetzen, indem sie an ihren mythischen rituellen Archetypen festhalten. Sie sind endogene Inszenierungen der Einheit, des Widerspruchs und des Kampfes der Existenz; rituell archetypische Inszenierungen erschaffen die Welt über diesen Brennspiegel und "mytho-poetisieren" solche dramatischen Themen wie Tod und Wiedergeburt, Desintegration und Wiederbelebung, Zerstörung und Schöpfung, Leid und Leidenschaft, Fragmentierung und wieder-Zusammensetzung, Verfehlung und Gnade. Solche Traditionen enthalten eingebaute Mechanismen für fortwährenden Widerstand, Revision, Wiederbelebung und Revolution.(6) Walunywa statuiert: "Die primäre Funktion über die sich eine endogene Gesellschaft entfaltet - "der rituelle Archetyp"- wird für 'revolutionär' gehalten in Hinsicht auf die Freiheit, die sie dem Individuum und der Gesellschaft ermöglicht, denn durch sie, wird angenommen, wird das Medium bereitgestellt, durch welches das Individuum und die Gesellschaft ihre intime Beziehung zur ursprünglichen Kultur und ihrer befreienden Kräfte aufrecht erhalten (und die folgerichtig in diametralen Gegensatz zur modernen Kultur mit seinen entfremdenden Mächten steht), ohne ihren jeweiligen Sinn für ihr (gegenwärtiges) Selbst und die Gemeinschaft vollständig aufzugeben.(7) Walunywa macht verständlich, daß die anarchistischen Lehren, die Werkzeuge, in den rituellen Dramen selbst enthalten sind. Er behauptet, daß Soyinka ihren anarchischen und gemeinschaftlichen Charakter durch seine Kunst und literarische Produktion auf die Bühne bringt, ebenso wie auf dem Feld der Politik und postkolonialen Revolution. Lasst uns die Geschichte hören, wie sie von Walunywa, Soyinka, Clyde W. Ford, und Jane Wilkinson erzählt wird:

Am Anfang gab es nur eine einzige Gottheit, bekannt als Orisa-nla, ein wesenloses Wesen, ein dimensionsloser Punkt, ein unbegrenzter Behälter, der sich selbst enthält. Dieser ungeschaffene Schöpfer hatte einen Sklaven, genannt Atooda oder Atunda. Als Orisa-nla einst in einem Garten am Berghang arbeitete, rebellierte Atunda, indem er einen massiven Felsbrocken hinabrollte, der Orisa-nla in zahllose Stücke zertrümmerte. Wie die Geschichte erzählt, wurden aus diesen Trümmern die Yorubagötter und Göttinen, bekannt als "Orisas" deren Zahl zwischen 201 und 1001 oder noch mehr variiert.(8) Von diesen zahlreichen Orisas sind einige Schlüsselfiguren im Pantheon der Weisheitstradition der Yoruba. Soyinka bezieht sich darauf, überschreibt sie und gibt seine eigene Interpretation über die bekannten Geschichten der Götter Obatala, Sango und Ogun.(9) Von diesen dreien ist es Ogun, zu dem er als Jugendlicher eine persönliche Affinität entwickelt hat und aus dem er, Walunywa zufolge, den archetypischen Anarchisten entwickelt.(10) Die Geschichte geht weiter:

Ursprünglich war das Göttliche und das Menschliche beides in der Gottheit Orisa-nla enthalten und es gab keine Erde, so wie wir sie kennen. Um es kurz zu machen: Obatala, das Symbol der gestaltenden Schöpfungsmacht, formte Menschen aus Lehm und rief den höchsten Orisa, Olorun, ihnen Leben einzuhauchen. Das geschah. Später gab es eine Krise und eine problematische Trennung von Orisas und Menschheit begann. Im Westen ist es nach dem "Fall" die Aufgabe der Menschheit ihren Weg zum einen und einzigen Gott zu finden. Bei den Yoruba, wie in vielen anderen endogenen Kulturen, sind es die Orisas, die Götter und Göttinnen, die zum Erdreich hinabfahren, denn ihr göttlicher Status ist unvollständig und sie müssen die Menschheit noch einmal umfassen, um ganz zu werden. Es war Ogun, der den heiligen Pfad für die Rückkehr des Göttlichen zur Menschheit schmiedete.(11) Damit sind wir aufgefordert, die Gültigkeit einer nicht-westlichen Perspektive und eines anderen Weise, im Leben Sinn zu sehen, zu akzeptieren. Das mag Marxisten, anarcho-Kommunisten und -Syndikalisten schwer angehen, die gelernt haben, die Welt ausschließlich durch die Brille der Wissenschaft zu betrachten, mit Vernunft und Objektivität, mit "dem Arbeiter" als Epizentrum der Veränderung. Aber, wie Paul Feyerabend in Against Method sagt, "Es gibt keine Idee, wie veraltet und absurd auch immer, die nicht die Fähigkeit hat unser Wissen zu vermehren." (12) Er behauptet ebenso, daß der indigene Denker oft größere Einsicht in die Natur des Wissens zeigt, als solche, die ausschließlich mit westlicher Wissenschaft operieren. "Es ist ... notwendig unsere Einstellung gegenüber Mythen, Religion, Magie, Hexerei und all solcher Ideen zu überprüfen, welche Rationalisten gerne für immer von der Oberfläche der Erde entfernt haben möchten (ohne es genau untersucht zu haben: eine typische Tabureaktion)." (13)

Indem innerhalb des durch das Ritual geschaffenen Kontextes den Göttern Ehre erwiesen wird, geht das Individuum, das für die Gemeinschaft arbeitet, darin auf und regeneriert seinen oder ihren Sinn für Selbstsetzung. Wenn jemand aus der postkolonialen Krise ausbrechen möchte, sagt das Ritual zuerst. "Ja, selbstverständlich hast du das Recht zu rebellieren" und dann: "du mußt dich jetzt vorbereiten und eine unvermeidliche Hölle durchqueren, um die Kräfte, Einsichten, Fähigkeiten und Vereinigungen zu erlangen, um auf den 'Befreiungsgipfel' zu steigen." Dieses gehenlassen oder fallenlassen des Selbst in den Abgrund, das chtonische Reich, oder das Chaos impliziert, von allen Mächten der Entfremdung und ideologischen Einflüssen zerissen, individuell und kollektiv interniert zu werden, die einen in einem begrenzten Status festgehalten haben. Das ist die Art und Weise wie das Ritual des Übergangs eingebaute Mechanismen bereithält, um den Übergang von einer begrenzten, segmentierenden, unterdrückerischen Existenz in eine freiere und befreiende Realität zu schaffen. Für Soyinka ist der Übergang selbst ein Prinzip und Ogun ist was man einen Lotsen nennen könnte. Der Prozeß, durch etwas hindurch zu gehen, ist eine Lebenstatsache und möglicherweise selten eine vergnügliche Reise. Aber dadurch, durch den Abgrund, das chtonische Reich oder Chaos, haben wir die elementaren Kräfte, welche wir aufnehmen können, um Wiederbelebung, Zusammensetzung und Kreativität zu erreichen.

Walunywa weist auf Soyinkas Umgang mit Ogun als tragischen Helden hin, dessen Aufgabe es ist, den Übergang stattfinden zu lassen. Es ist die Geschichte des Ogun, die hier am instruktivsten ist. ("Ogun ist die Verkörperung der Herausforderung, der promethische Instinkt im Menschen, der beständig im Dienste der vollen Selbstverwirklichung der Gesellschaft steht." (14) )

Das Prinzip der Zerstörung und Schöpfung, in Gang gesetzt durch Atundas Felsbrocken, wird in Oguns Tätigkeit erneut wiederholt. (15) Soyinka setzt ihn in das Zentrum der Metaphysik der Yoruba. Er wird die Essenz der Kreativität selbst. Er ist der Individualanarchist, der Eisenwerker, der zögernde Führer, oder Nietzsches Übermensch, der (nach Soyinka) im Dienst der Gemeinschaft den unbezähmbaren Willen zur Macht ausdrückt. Er ist der einzige Gott, der gewillt ist, den Übergang durch den Abgrund, das Chaos zu machen, um für andere in ihrem Verlangen sich mit der Menschheit zu wieder zu vereinigen, den Weg zu bereiten. Darin, den Übergang zu bereiten, ist er ebenso gewillt auseinandergerissen zu werden, damit er in der wieder-Zusammensetzung helfen mag, gesellschaftlichen Wandel hervorzubringen. In Walunywas Kommentar wird es evident, daß Soyinka den Charakter Oguns so wiedererschaffen hat, daß er höchst nützlich in Afrikas gegenwärtiger postkolonialer und neoliberaler schiffbrüchiger Lage sein kann. Dieser ogunianische Anarchismus ist das Thema, das sich ununterbrochen in Soyinkas Kunst, Leben und seiner revolutionären Vision ausdrückt.

Anmerkungen:

1. Ignazio Silone (1900-78) War ein Italienischer Sozialist and Antifaschist, Journalist and Romancier. Er schrieb Brot und Wein (1962) und definierte sich selbst als "Sozialist ohne Partei, Christ ohne Kirche."

2. Informationen über Soyinkas Einflüsse kommen hauptsächlich von Florence Stratton, "Wole Soyinka's Social Vision," Black American Literature Forum, Vol. 22, Number 3 (Fall 1988): 534. Interessanterweise assoziiert Stratton ebenfalls Anarchismus mit Soyinkas Werk. Ebenso: Joseph Wilson, "Soyinka and Philosophic Traditions: European and African," (http://www.emory.edu/ENGLISH/Bahri/Soyinka.htm1)

3. Joseph Walunywa, "Post-Colonial African Theory and Practice: Wole Soyinka's Anarchism" (Ph.D. Diss., Syracuse University, 1997), 21.

4. Ibid., 75.

5. Ibid., 3, 23.

6. Ibid., 116.

7. Ibid., 22.

8. Zusammgengestellt aus und verglichen mit: Clyde W. Ford, The Hero With An African Face (New York: Bantam Books, 1999), 146; Jane Wilkinson, Orpheus in Africa: Fragmentation and Renewal in Four African Writers/Between Orpheus and Ogun (Rome: Bulzoni Editore, 1990), 179-181; and Walunywa, "Post-Colonial African Theory and Practice," 92-115.

9. Walunywa, "Post-Colonial African Theory and Practice," 93-99.

10. Ibid., 104.

11. Von Ford, The Hero With An African Face, 146; Jane Wilkinson, Orpheus in Africa, 179-181; und Walunywa, "Post-Colonial African Theory and Practice," 92-115.

12. Paul Feyerabend, Against Method: Outline of an Anarchist Theory of Knowledge (http://pnarae.com/phil/main_phil/fey/against.htm). Ebenso: Arun Bala, Feyerabnd and Scientific Method, (http://courses.nus.edu.sg/course/ph ... %20Method/Feyerabend)

13. Paul Feyerabend, Against Method: Outline of an Anarchist Theory of Knowledge, Ibid.

14. Wole Soyinka, Myth, Literature and the African World (New York: Cambridge University, 1976), 30.

15. F. Odun Balogun, "Soyinka and the Literary Aesthetic of African Socialism," Black American Literature Forum, Vol. 22 Number 3, (Fall 1988): 521.