Wir diskutieren nicht gegeneinander

Version 6, 88.72.218.188 am 29.10.2006 10:19

Bericht von Peter Bach (Köln) über das Netzwerk Cecosesola und die Frauenkooperative "La Campesina" in Venezuela.

Der Beitrag erschien im Buch: Stiftung Fraueninitiative, Carola Möller, Ulla Peters, Irina Vellay (Hg.) Dissidente Praktiken. Erfahrungen mit herrschafts- und warenkritischer Selbstorganisation. Ulrike Helmer Verlag 2006. ISBN 3-89741-214-4

"Wir diskutieren nicht gegeneinander"

Cecosesola - eine Kooperative der besonderen Art in Venezuela

Mein Interesse an Cecosesola (Central Cooperativa de Servicios Sociales del Estado Lara) wurde vor rund 10 Jahren bei einem Besuch zweier venezuelanischer "Cooperativistas" in Köln geweckt. "Wir entscheiden alle unsere Angelegenheiten im Konsens." "Es gibt keinen Chef und keine Mehrheitsabstimmungen." "Wir arbeiten seit Anfang der achtziger Jahre ohne Hierarchie". Das war für uns bestenfalls in kleinen Gruppen vorstellbar, aber nicht für eine komplexe Organisation mit Tausenden von Mitgliedern. Dieses Jahr besuchte ich Cecosesola, das Kooperativennetzwerk in Barquisemeto mit seinen 840.000 Einwohnern und Umgebung.

Cecosesola wurde schon 1967 gegründet. Eine prägende Erfahrung war für die zusammengeschlossenen Kooperativen der Zusammenbruch des von ihnen gegründeten kooperativen Transportunternehmens mit 127 Bussen und mehreren Millionen Bolivares Konkursschulden im Jahr 1979. Damals stand die ganze Organisation kurz vor dem Ruin. Das gab den Anstoß zum Umdenken in ihren Organisations- und Arbeitsgrundsätzen. Heute agieren in 45 Produktions- und Versorgungskooperativen und 22 Stadtteilbasiskooperativen 2000 Menschen, die dort ihren Lebensunterhalt erhalten, 40.000 aktive Cooperativistas und über 140.000 assoziierte Mitglieder miteinander, ohne dass ein Vorstand sie führt und eine Mehrheit die Abstimmungen entscheidet. /Erläutern)Wo ich auch hinkam, wurde hervorgehoben: Basisentscheidung, Rotation und Konsens sind Kernelemente aller Einheiten von Cecosesola.

Spektrum der Aktivitäten

In den einzelnen Produktionskooperativen von Cecosesola arbeiten 6 bis 160 Campesinos und Campesinas. Die Produktionsstätten liegen im Umkreis von 160 km um Barquisimeto. Die Genossinnen und Genossen beliefern die Märkte mit wöchentlich rund 700 t Früchten und Gemüse. Aus den eigenen Produkten werden von anderen Kooperativen Brot, Pasta, Honig, Salsa und Marmeladen gefertigt. Verkauft wird in eigenen Läden in den Dörfern, den Städten der Umgegend, hauptsächlich aber auf den vier großen Märkten, der "Feria Popular de Consumo Familiar" in Barquisimeto. Rund 50.000 Familien in Barquisimeto, etwa ein Viertel der Bevölkerung, werden von den Märkten Cecosesolas mit Obst, Gemüse und Lebensmitteln versorgt.

Eigene Labortorien sorgen auf dem Land für biologische Schädlingsbekämpfung und eine Regenwurmzuchtstation für Verbesserung und Verbreitung biologischer Anbauweisen. Die Lehrgänge in der Escuela Central in Barquisimeto, besonders aber die regelmäßigen Versammlungen in den Kooperativen vermitteln den Austausch dieses Wissens zwischen der Stadt und den ländlichen Gebieten.

Gesundheitsstationen in einigen der 21 Stadtteilkooperativen und seit 1994 ein eigenes zentrales Gesundheitszentrum versorgen monatlich 10.000 Menschen medizinisch und betreiben Gesundheitsvorsorge. Die Geldmittel werden durch ein kooperatives Krankenversicherungssystem aufgebracht, in das alle Assoziierten wöchentlich einen Betrag einzahlen. Der wöchentliche Beitrag für Sparen, Sterbekasse, Gesundheitsvorsorge, Sprechstunde und ambulante Behandlung beträgt 2000 Bolivares (Bs). (2500 Bs entsprechen zu dem Zeitpunkt etwa 1 €). Ein Termin in der Intern-Medizin kostet derzeit 12.000 Bs = 4,75 €, für Kooperativenmitglieder und für Nichtmitglieder 18.000 Bs = 7,25 Euro. Zusätzlich hat jede Feria einen Gesundheitsfond, in den Compañeros und Compañeras wöchentlich einzahlen. Dadurch ist, z.B. für kostspielige Operationen, ein größerer Fond (pote) zwischen den Ferias entstanden. Zusammen mit den kostendeckenden Tarifen für Sprechstunden und medizinische Behandlung ist dies der "Dreifuss", mit dem Cecosesola seinen Gesundheitsdienst finanziert.

Ähnlich ist es mit dem genossenschaftlichen Beerdigungsunternehmen: 140.000 Menschen zahlen in eine Art Sterbefamilienversicherung ein. Sie bekommen dadurch die Möglichkeit, zu erschwinglichen Preisen einen würdigen Rahmen für die Beerdigung ihrer Angehörigen (zur Zeit ca. 90 Bs im Monat) in den Räumen und mit den Fahrzeugen von Cecosesola zu erhalten. Durch die enge Verbindung der Sterbeversicherung mit den Stadtteilbasisgruppen ist auch eine Sterbebegleitung möglich. Angeschlossen an die Stadtteilbasisgruppen ist noch ein Spar- und Kreditwesen und eine günstige Einkaufmöglichkeit von Küchengeräten und Möbeln.

Dieses Spektrum von Aktivitäten macht auch ein weiteres wichtiges Prinzip von Cecosesola deutlich: Alle Unternehmungen sind mit den elementaren Bedürfnissen der Menschen in Barquisimeto und den umgebenden Regionen verbunden. "In den Angelegenheiten des täglichen Lebens sind wir alle Fachleute genug, dass wir in allen Angelegenheiten selbst und mit entscheiden können."

Die Frauenkooperative "La Campesina" in Bojo

"La Campesina" wurde 1984 von zwei Frauen gegründet, die begannen, gemeinsam "Catalinas", eine Art Lebkuchen, herzustellen und in einem kleinen Laden in ihrem Heimatort Bojo zu verkaufen. In der Folgezeit bekamen sie Kontakt zur Kooperative "Allianza", die Mitglied von Cecosesola war und ihre Erzeugnisse auf deren Märkten in Barquisimeto verkaufte. Dadurch angeregt, vergrößerten sie 1989 ihren Kreis auf 8 Frauen. Produziert wurde immer noch in den heimischen Küchen, aber verkauft wurde bereits auf den 60 km entfernten Märkten von Barquisimeto. Fünf Jahre später konnten sie ihr erstes Haus beziehen, in dem gebacken, verpackt und in begrenztem Maß auch gelagert werden konnte.

Als ihre "Normen" geben sie an: Verantwortlichkeit, Pünktlichkeit, sich zweiwöchentlich zu treffen, an weiter entfernten Versammlungen teilzunehmen, alle Entscheidungen gemeinsam zu treffen; sich gegenseitig zu respektieren.Als Probleme nannten sie u.a.: fehlender Raum zu arbeiten, Fehlen eines eigenen Fahrzeuges. Die Probleme scheinen "La Campesina" nicht überwältigt zu haben. Heute produzieren 23 Cooperativistas täglich 1300 Brote aus neun verschiedenen integrierten Sorten, Gebäck und natürlich die leckeren Catalinas. Sie werden weiter im dörflichen Laden verkauft, in der drei km entfernten Kleinstadt Sanare, hauptsächlich aber auf den Märkten von Barquisimeto. Sie geben die Regeln von Cecosesola - keine Hierarchie, alle Entscheidungen im Konsens und Rotation – als ihr zentrales Erfolgsrezept an und als Grundlage ihrer guten Arbeitsbeziehungen.

"Feria Popular de Consumo Familiar Central de Barquisimeto”

Die vier Märkte (Ferias) in der Großstadt Barquisimeto sind das Herz von Cecosesola. Hierhin werden alle in der Woche von den Cooperativistas produzierten Güter gebracht. Hier ist der große Treffpunkt aller Akteure und natürlich der Austausch ihrer Aktivitäten in Waren und Worten mit der Bevölkerung von Barquisimeto. "Gemeinsam agieren, sorgen und versorgen" führt dann ab halb sechs Freitagmorgens tausende Akteure in einer riesigen Aktion diesseits und jenseits der Verkaufsstände zusammen.

Der Compañero Georg Rath schrieb mir dazu: "Die Wiederaufnahme der (lateinamerikanischen) Tradition der Märkte spielt für die Zusammenführung von Stadt und Land eine wichtige Rolle. Markt nicht nur als "Kalkül”, als Ankauf-Verkauf-Beziehung, sondern eben auch als Treffpunkt von Beziehungen, Gesprächen. Hier läuft der Austausch von Erfahrungen, Abbau von Minderwertigkeitsgefühlen derjenigen, die auf dem Lande produzieren und normalerweise vom Zwischenhandel und auch oft von den Städtern als "Ostfriesen” behandelt bzw. über den Tisch gezogen werden. Der Markt, von dem als Tummelplatz von Stimmen, Tönen und Farben eine hohe Anziehungskraft ausgeht. Zum anderen spielt in dieser Stadt-Land-Beziehung der Einheits-Kilo-Preis unserer Marktprodukte eine Rolle. Er hat ja nicht ausschließlich monetären Charakter, sondern soll auch noch dem Bestreben Ausdruck verleihen, den "Markthierarchien” (Apfelsinen sind "wert”-voller als Kopfsalat) entgegen zu wirken. Es sollen nicht diejenigen Produktionskooperativen höher bewertet werden, die eben "Apfelsinen” produzieren.

Das Gros der landwirtschaftlichen Produkte wird zu einem einheitlichen Kilopreis abgegeben. Ende Januar betrug er 1300 Bs = 52 Ct in der Feria Grande und 1000 Bs. in der Mini-Feria, in der es die Produkte mit leichten Mängeln gibt. Besondere Umstände führen schon mal dazu, dass Produkte im Spezialmarkt mit höheren Preisen zusammen mit den Gütern aus biologischem Anbau angeboten werden, weil sonst die Gefahr besteht, dass sie freitags nach kurzer Zeit komplett verkauft sind. Übrig gebliebene Ware wird montags in Spezialbussen in Stadtteile gefahren, wo sie noch günstiger verkauft werden. 80 Mrd. Bolivares (ca. 32 Mio. Euro) werden jährlich in den vier Ferias umgesetzt, das finanzielle Rückgrat von Cecosesola. Davon werden die Produktions-, Pacht-, Miet- und Transportkosten und die – überall im Wesentlichen einheitlichen – Gehälter bezahlt. Seinen Lebensunterhalt bei Cecosesola zu bekommen ist kein Spitzenverdienst. Jedoch, im Vergleich zu vielen anderen Verdienstmöglichkeiten, eine verlässliche Einkommensquelle: Pünktlich werden jedem Cooperativista wöchentlich bar um die 200.000 Bs ausbezahlt, also etwa 85 €.

In den Ferias von Barquisimeto dient der Donnerstag dem Auffüllen der Märkte, aber auch der Kooperativeversammlung, den Reuniones. Einige meiner Eindrücke: Aus den Beiträgen spricht die Verantwortung, die jede-r empfindet, für das, was sie/er tut, aber alle haben den Blick auf die Kooperative. So wird diskutiert und so wird auch gearbeitet. Teophilo erklärt mir: Wir diskutieren nicht gegeneinander wie ihr in der okzidentalen Kultur. Wir fügen unsere Beiträge, wie Stein für Stein, aneinander – Argumente wie Gegenargumente. Das Ergebnis ist dann wie ein Haus - und es ist dann das Werk aller.

Es geht auch um Respekt und den Umgang miteinander: Die Recyclinggruppe beanstandet die Nachlässigkeit, mit der Kartons und Kunststoffverpackungen einfach in das Depot geworfen werden. Sie mahnen eine bessere Sortierung an. Sie erspart ihnen Arbeit, erhöht der Kooperative aber auch die Erlöse bei den Abnehmern. Eine ältere Companera meldet sich zu Wort. Sie war am letzten Freitag, dem Tag des größten Ansturms, für die Einsammlung des Kleingelds verantwortlich. In einem Fall hatte sie zehn Kassen eingesammelt, hatte nachher aber nur neun Beutel. Es ging hin und her. Der Vorgang konnte nicht aufgeklärt werden. Alle trösteten die Kassiererin über das Unglück hinweg, dass ihr aus dem Gesicht abzulesen war. Selbst bei brisanten Themen blieb der Versammlung eine gewisse Gelassenheit erhalten. Vielleicht rührt sie aus der bei uns nicht so verbreiteten Einsicht, dass im Leben eben Dinge passieren, die nicht immer beherrschbar und regelbar sind: "Es kommt nicht so sehr auf das einzelne Ereignis an, es kommt auf den Prozess an, der dahinter abläuft." Obwohl wir noch über zwei Stunden zu tun hatten, hatte es selbst nach fünf Stunden offensichtlich noch niemand eilig. Zur Stärkung gab es zwischendurch Fruchtsaft, Arepas und Cachapas und die Stimmung blieb bis zum Schluss äußerst gelöst. Wohlgemerkt: die Versammlung mit bis zu 80 TeilnehmerInnen hatte keine Diskussionsleitung (nach der bei uns schon mal ab fünf Personen verlangt wird) und ohne Wortmeldung oder Rednerliste fanden alle Redebeiträge und Meinungsäußerungen ihren Platz.

Die Versammlungen sind ein Kernelement der Kooperativen wie des gesamten Systems Cecosesola. Selbst die Preisbildung auf den Märkten und das Entgelt der Mitglieder wird auf ihnen zwischen den VertreterInnen der produzierenden Kooperativen, der Marktkooperativen und der Basisorganisationen der Stadtteile verhandelt. Das ist keine andere Welt. Aber eine Kooperative, die seit 38 Jahren besteht und mit über 2000 Leuten, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen, seit rund 27 Jahren ohne Hierarchie arbeitet, entwickelt schon eine besondere Atmosphäre.

Zwischen Kunden und Cooperativistas besteht ein eigenartiges Verhältnis: Wird, z.B. beim Herauslösen der Brokkoli oder des Blumenkohls nicht schnell genug bedient, macht man es eben selber. Oder man bittet jemanden, der stärker ist, zu helfen. Wird nicht schnell genug nachgelegt, geht auch schon mal jemand hinter den Stand und füllt nach. Werden an den Kassen die entleerten und abgestellten Einkaufswagen nicht zusammengestellt und zum Eingang zurückgefahren, versuchen Leute die passenden Wagen selbst zusammenzustellen oder schlängelten sich solange zwischen den Wagen durch, bis sie, oft durch Kinder, weggefahren werden. Es ist so ein unaufgeregtes Verhältnis. Man ist Kunde/Verkäufer, verhält sich andererseits aber auch wie Bringer und Nutzer mit gemeinsamem Interesse."

Was da passiert, ist nicht so einfach zu verstehen: Da entwickeln ziemlich viele Menschen jahrzehntelang in einem ohne Zweifel ziemlich kapitalistischen Land Arbeits-, Organisations- und Umgangsformen, die - meiner Kenntnis nach - noch kein anderes, auch kein wie immer auch geartetes "sozialistisches" Gemeinwesen hervorgebracht hat. Sie entwickeln untereinander Gesprächs- und Umgangsformen, die sich bei uns viele Menschen in sozialen, politischen, radikalen oder sonstigen linken Projekten wünschen würden, von politischen Parteien gar nicht zu sprechen.

Ich denke auch an Adornos Zitat: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen". Ist Cecosesola nun ein "vorübergehendes Phänomen" oder Vorgeschmack und Übungsfeld für postkapitalistische Gesellschaftsformen? Johannes Agnoli: "Können Menschen in ein menschlicheres System hineinwachsen, wenn sie dies nicht vorher erfahren und betrieben haben? Eine Organisation, die sich die Emanzipation zum Ziel setzt, muss in der Lage sein, im Vorlauf zu diesem Ziel selber die Emanzipation zu verwirklichen. Eine Organisation, die, um die Emanzipation zu erzielen, sich eine hierarchische Struktur gibt, wird unmöglich dieses Ziel erreichen. Gerade die Geschichte der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien zeigt das." Cecosesola ist kein fertiges ‚Produkt’, wie Georg Rath meint: "sondern ein lebendiger Prozess mit einem Auf und Ab. Anstelle einer Feststellung – und damit Festschreibung – sollte die Absichtserklärung zentral stehen: den hierarchischen Prozess innerhalb der Organisation immer mehr zu horizontalisieren, zu kollektivieren und auf diese Weise zu demokratisieren.