Unbegrenzt Ferien

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web: http://www.zeit.de/2001/34/Hochschu ... schulschwaenzer.html

Drei Jungen haben den Traum aller Kinder verwirklicht: Sie gehen niemals in die Schule. Ihren Eltern ist es recht, und der Staat duldet es.

Von Burkhard Strassmann

Stell dir vor, es gibt Schule und keiner geht hin. Die Schlagzeile sprang den Lesern des Jeetze-Kurier Salzwedel im vergangenen Jahr ins Auge. Die zugehörige Geschichte erschien der Redaktion offenbar so undenkbar wie ein Krieg ohne Soldaten. Es ging um ein Verfahren vor dem Amtsgericht Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Eine Mutter hatte gewusst und gebilligt, dass ihre drei Söhne seit Jahren keine Schule mehr besuchen. Die Kinder waren einfach zu Hause geblieben. Sie hatten auch weder einen Privatlehrer noch an einem home schooling-Projekt teilgenommen. Ein unglaublicher Kasus, nicht nur für Salzwedel.

Es ist Montag, zehn Uhr morgens, keine Ferien. Brave Kinder sitzen um diese Zeit auf Schulbänken. Weniger brave werden von der Polizei aus dem Kaufhaus geholt, wo sie in der Spielzeugabteilung daddeln, statt Deutsch zu lernen. Jury, 9, Semjon, 11, und Immanuel, 13, sitzen im Mobilhome, das der Papa gemütlich durch die norddeutsche Tiefebene steuert. Sie kommen von einer Baustelle; Papa montiert Holzhäuser. Zwischendurch haben sie Oma in Großenkneten besucht und in Bremen eine Ausstellung über Piraten. Jetzt geht es heim. Im Bordradio läuft We all need someone we can dream on. In der Bordbibliothek stapeln sich Werke von Wilhelm Reich. Obwohl es draußen frisch ist, sind zwei der Jungen barfuß; der dritte trägt Bergstiefel. Gespannt betrachten die drei den Reporter: Schreibt der wirklich alles auf, was sie sagen?

Jury, der Jüngste, fängt an: "Ich war noch nie in der Schule, nur mal so drei Stunden. Das war eine freie Schule, keine richtige. Da war ich sechs Jahre alt." Semjon: "Da sind wir gleich wieder rausgegangen. Da war so eine Bande, wenn man nicht drinnen war, wurde man verkloppt. Und wenn man drinnen war, musste man auf so einen Scheißtypen hören." Semjon und Immanuel haben es dort insgesamt ein halbes Jahr lang ausgehalten. Diese freie Schule war ihr vorerst letzter Versuch mit dem deutschen Schulsystem. Angefangen hatte alles mit einer Waldorf-Schule in der Nähe von Reutlingen. Immanuel, der anfangs noch ganz gern zur Schule ging, bekam irgendwann Schwierigkeiten. Semjon: "Immer wenn er nach Hause kam, hat er erzählt, dass ihn jemand in die Hecke geschmissen hätte und den Schulranzen geklaut oder ihm auf die Füße getreten war. Und dann hat er morgens immer gesagt: ,Mir ist schlecht.' Und wenn der Bus weg war, war wieder alles gut."

Immanuel reckt sich. "Ich hatte natürlich nur so getan. Ich fand das halt blöd da. Und dann hat mich Papa mit dem Auto zur Schule gebracht, zur Klasse getragen und mich hingesetzt. Da bin ich wie ein Sack sitzen geblieben. Da hat Papa dann gesagt: Jetzt ist Schluss!" - "Und mir", sagt Semjon, der auch Semmel heißt und sogar Brösel, "und mir hat einer im Kindergarten den Bommel von der Bommelmütze abgerissen, da wollte ich da auch nicht mehr hin." Immanuel holt ein Heft. Er zeigt eine Geschichte, die er sich soeben ausgedacht und niedergeschrieben hat. Es geht um eine Maus mit einer Geheimwaffe, um zahlreiche Detonationen. Eine Menge Blut fließt. Der Text ist in Großbuchstaben verfasst, nicht ganz Duden-konform, doch die Lautschrift ist problemlos lesbar.

Immanuel zeigt auf das Wort "Ai", für das bekannte Hühnerprodukt: "Wenn alle Kinder am Anfang ,Ai' schreiben, wieso schreibt man das nicht so?" Immanuel jedenfalls kann auch ohne Schule schreiben. Lesen sowieso. Lesen lernen geht so: "Ich war bei Großvater in der Fränkischen Schweiz, er hat mir immer vorgelesen, und ich habe immer gesagt, lies weiter, und er hat gesagt: Lies selbst! Seitdem kann ich lesen. Heute lese ich am liebsten die Bücher von Wolfgang Hohlbein, Fantasy-Bücher wie Märchenmonds Kinder und Drachenfeuer. Seitdem ärgern sich Semjon und Jury, weil ich lieber lese als mit ihnen spiele." Hat man noch Spielkameraden, wenn man nicht zur Schule geht? Na ja, das sind zuerst die Brüder. Und dann, sagt Semjon, kennen sie noch andere, die auch nicht zur Schule gehen, die wohnen zwölf Kilometer weg. Die besuchen wir öfters. Und Schulkinder kennen wir auch, einer wohnt bei uns im Haus." Aber es ist doch bestimmt gelegentlich mal langweilig, so ganz ohne Schule!?

Da werden die Kinder munter: Nie! Sagen sie. "Denen ist der Tag immer zu kurz, obwohl sie kein Programm geboten kriegen", erzählt später die Mutter. Immanuel: "Wir haben genug Spielzeug und Bücher, wir haben einen Plan, wer wann abwaschen muss, den Kompost raustragen, den Flur fegen. Eine Zeit lang hab ich alle Bücher über Ameisen gelesen. Ich kenn fast alle Waldameisen. Bei uns in der Nähe ist nämlich ein Wald, da sind wir jeden Tag mit Maruschka." Maruschka ist die Schäferhund-Husky-Mischung, deretwegen der Flur regelmäßig zu fegen ist.

Jetzt die Nagelprobe! Was ist mit Mathe? "Kümmer ich mich nicht drum", sagt der Große sehr souverän, auch um Englisch habe er sich noch nicht gekümmert. Er würde sich gern mehr mit dem Computer befassen, aber zu Hause gibt es nicht mal Fernsehen. Opa in Großenkneten hat einen Computer, mit Malprogramm. "Mama überlegt sich gerade, für uns einen anzuschaffen", wirft Jury ein. Semjon kräht begeistert dazwischen: "Ich kann lesen-schreiben-rechnen!" 7 mal 8? Semjon bemüht seine Finger. "56!" Und 9 mal 9? Er wurstelt lange mit den Fingern und muss passen. "Das geht nicht so." - "Schreibst du auch über Orgon?", fragt Jury. "Das ist die Lebensenergie, die hat der Wilhelm Reich entdeckt." Semjon kennt die Details: "Papa hat mal an einem Sommertag auf der Wiese gelegen und den blauen Himmel angesehen. Da waren ganz viele Pünktchen. Das war das Orgon!" Echt? "Frag doch den Papa!"

Die Zukunft? Nur eins ist sicher: "Nie zur Schule", das ist nicht nur für Immanuel unumstößlich. Semjon: "Und wenn man mich zur Schule trägt, sitz ich da und geh wieder nach Hause." - "Vielleicht", sagt Immanuel, "muss ich noch was nachmachen, wenn ich mal einen Beruf machen will, Uni und so. Aber im Moment noch nicht." Dass sie irgendwann mit der Staatsmacht zusammenstoßen könnten, ist ihnen klar. Semjon: "Die Freunde, die auch nicht zur Schule gehen, sind schon mal von der Polizei zur Schule gebracht worden. Das könnte uns auch passieren. Aber das kostet die viel. Das können die nicht jeden Tag machen, dass mich ein Polizist mit dem Auto abholt."

Wissen Kinder, was ihnen gut tut?

Ein wenig sind die Jungen Polizeibegleitung schon gewöhnt: Weil sie irgendwann beschlossen haben, sommers wie winters am liebsten barfuß zu laufen, und weil ihnen das niemand verboten hat und weil barfüßige Kinder deutschen Polizisten verwahrlost erscheinen, wurden die drei schon öfter aufgegriffen und bei den Eltern abgegeben. Zuletzt mitten in einem Ort namens Wildeshausen. Die Polizisten hätten allerdings auch einfach mal fragen können. Sie hätten eine einleuchtende Antwort bekommen: "Barfuß laufen macht halt Spaß. Papa hat gesagt, das müsst ihr selber entscheiden, nur bei Schnee geht das nicht. Nein, kalt ist das nicht. Und seit zwei Jahren bin ich nicht mehr krank gewesen." Sagt Immanuel.

Wir brummen durch Salzwedel. Eine Gruppe von Schülern wartet an der Haltestelle auf den Schulbus. "Hup mal, Papa!", rufen die Jungen aufgeregt, hüpfen auf ihren Sitzen rum und schreien: "Wir haben Ferien!" Wozu gibt es eigentlich noch Schule, wenn man auch ohne sie Ferien haben kann? Kurz darauf biegen wir nach Baars ab. Das ist ein winziger Ortsteil von Winterfeld. Die ehemalige DDR-Grenze ist nicht weit. Häuser kosten hier in der Gegend kaum mehr als ein paar Jahresmieten, und trotzdem finden sich keine Käufer. Ein paar Ökos, Alternative, Leute mit staatsfernen pädagogischen Ideen haben sich ringsum angesiedelt. Immanuel, Semjon und Jury leben im klassischen Landidyll, das vor 20 Jahren einmal in Mode war: Bauernhof, Obstbäume, großer Garten, Tiere, riesiger Lehmofen. Auf den Tisch kommt nur Gesundes, und die Kinder sollen freier aufwachsen als die Alten.

Christiane, die Mutter, lange Haare, langer Strickrock, auch sie barfuß, 37 Jahre alt, ist Kinderpflegerin von Beruf. Sie erinnert sich. Damals, in der Reutlinger Zeit, da hatte sich alles gefügt: Ihr Interesse an Montessori-Pädagogik, an der bestrickenden Idee, Kinder wüssten am besten, was ihnen gut tut. Das Ideal der Selbsterziehung. Begegnungen mit den Pädagogen Rebeca und Mauricio Wild (Ecuador). Das Buch Erziehung zum Sein. Und dann ihr Großer, der die Schule verweigerte und den selbst körperlicher Zwang nicht mehr umstimmen konnte. "Er hatte mit der Zeit alle Fächer verweigert, sich zurückgezogen, er stolperte häufig, zu Hause vertrimmte er seine Brüder, und bei den Landtagswahlen setzte er alle Hoffnung auf die Grünen, da sie bestimmt die Schulpflicht abschaffen würden."

Leider hatte er die Grünen überschätzt. Der anthroposophische Lehrer befand schließlich, das Kind hätte zu wenig Grenzen erfahren, die er "Hüllen" nannte, und empfahl, das Kind sechs Wochen lang in die Schule zu tragen, sozusagen therapeutisch. "Ich dagegen hielt Immanuels Reaktion für eine gesunde Sache", meint die Mutter. Erst meldete Christiane ihren Sohn krank. Dann wurde auch noch Semjon schulpflichtig, der ebenfalls keineswegs in die Schule wollte. Die Familie meldete sich zum Schein in Österreich an, wo es keine allgemeine Schulpflicht gibt, nur Unterrichtspflicht. Als sie dann alle nach Sachsen-Anhalt zogen, versuchten es die Kinder noch einmal in einer "freien Schule". "Ich habe ihnen gesagt: Ihr müsst nicht!" Und die Jungen nahmen sich die Freiheit.

Erst Ende Oktober 1999, da war Immanuel schon fast zwölf, entdeckte der Staat die Flüchtlinge - vermutlich aufgrund nachbarschaftlicher Denunziation. Der Fall war juristisch glasklar: Verstoß gegen Paragraf 36 des Schulgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt. Der Schulrat rief an. Das Jugendamt rief an. Das Ordnungsamt rief an. Ein Bußgeldbescheid über 680 DM (eine Mark pro Fehltag und Kind) kam per Post. Es gab viele Diskussionen. Briefwechsel. Eine eher virtuelle "Zwergschule Baars" entstand, natürlich interessierte das den Staat überhaupt nicht, aber den Versuch war es wert. Christiane argumentierte gegenüber den Ämtern stets umfangreich und konsequent handschriftlich. Sie wusste, dass sie formal im Unrecht war, deshalb verzichtete sie auf einen Rechtsanwalt und setzte lieber auf Kommunikation.

Die örtliche Grundschule bot Probebesuche an. Die Kinder boten an, am Sportunterricht teilzunehmen, mehr aber nicht. Ein Staatslehrer machte eine Zeit lang Hausbesuche, scheiterte aber an der Hartnäckigkeit der Unbeschulbaren. Doch es geschah auch Seltsames: Die drei Jungen beeindruckten selbst Behördenmenschen mit ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Fantasie und ihrer Kompetenz. Sie vermittelten nicht den Eindruck, unter Nichtbeschulung und entsprechenden Defiziten zu leiden.

Möglicherweise nahm dies auch den Amtsrichter von Salzwedel für sie ein, der im vergangenen Jahr das sachsen-anhaltinische Schulgesetz zu exekutieren hatte: Mit einer "salomonischen Entscheidung" (Jeetze-Kurier) hob er den Bußgeldbescheid des Ordnungsamtes auf und ersetzte ihn durch eine "eher symbolische Ahndung" in Höhe von 150 DM. Denn die Motivationslage der Mutter sei zu berücksichtigen, die das Wohl ihrer Kinder im Auge habe und "Überzeugungstäterin" sei. Und der Richter fragte auch, ob ein Bußgeldbescheid "bei Betroffenen dieser Art das taugliche Instrument" sei, ob nicht "mehr Aufklärung und Hilfestellung seitens der Schulbehörde angeboten werden" müssten.

Natürlich hört die Mutter nicht auf, "Überzeugungstäterin" und mithin Täterin zu sein, und deshalb ist das Verfahren ein schwebendes. Inzwischen wurde ein Antrag auf Ausnahmegenehmigung beim Schulamt gestellt, der selbstredend abgelehnt wurde. Dagegen reichte Christiane eine Klage beim Verwaltungsgericht ein, zog sie aber zurück, als der Richter einen Antrag auf Prozesskostenhilfe ablehnte - wegen mangelnder Erfolgsaussichten. Gelegentlich taucht ein Vertreter des Jugendamtes auf und macht ein strenges Gesicht. Auch das Ordnungsamt unternahm jüngst einen neuen Anlauf und schickte einen Anhörungsbogen. Christiane aber schreibt. Und schreibt. Handschriftlich. Immer an Menschen.

Nach polizeilicher Zuführung von Jury, Semjon und Immanuel zur Zwangsbeschulung sieht es derzeit nicht aus. Jedenfalls nicht, solange diese Art abweichenden Verhaltens keine Schule macht.

Quelle: (c) DIE ZEIT 34/2001