Diskussion Neue Arbeit und Nachhaltigkeit

Version 11, 84.130.110.159 am 19.7.2006 13:47

Hier geht es um den Text

"Neue Arbeit" und Nachhaltigkeit bei der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim

zu finden unter http://www.thur.de/philo/ina/ina125.htm

Diskussion

Meine Meinung: eher platter Selbstbejubelungsartikel (sich selbst als "Blume der Nachhaltigkeit" zu bezeichnen, ist schon ungewöhnlich platt) mit einen völlig unkritischen Positivbezug auf das zumindest umstrittene Konzept der Nachhaltigkeit

J.B.

Hallo,

gut, dass Du die Kritik wenigstens kurz auch an den Link im Co-Forum gehangen hast. Der Text steht zwar selbst nicht im Co-forum, aber es ist durchaus möglich, Debatten auch unabhängig vom Server, wo ein Text liegt, zu führen. Außerdem steht auf der Seite von INA auch deren Mailadresse, es wäre ein Leichtes gewesen, sie selbst daraufhin mal anzumailen. Jetzt liegt der Schwarze Peter bei mir, weil ich die erste Kritik, von der ich las, nicht an sie weiter geleitet habe. Deshalb möchte ich mich bei INA, speziell Heinz, erst mal entschuldigen, dass er erst jetzt so rabiat die Reaktion auf den Text erfährt. (Ich war auch am Wochenende nicht da, deshalb sind noch mal 2 Tage verloren gegangen).

Was machen wir jetzt damit?

Ich denke, dass viele Vorwürfe zwar sprachlich durch den Artikel provoziert sind, aber der Praxis bei INA/SSM nicht entsprechen. INA/SSM denkt und praktiziert die vorher in unserem Heft angesprochenen Ansätze der "Solidarökonomie" konsequenter weiter als viele, viele andere. Und wenn sie "Nachhaltigkeit" sagen, meinen sie nicht den kapitalismusreformerische Versuch, die Ökokatastrophe schön zu reden. Zu "Arbeit" haben sie auch einen differenzierteren Standpunkt. Dass es in diesem Text nicht ganz so deutlich wird, gebe ich zu.

Was ich besonders gut und wichtig fand, war eben,dass in diesem Text 1. nicht nur theoretisiert, sondern auch die eigene Praxis angesprochen wird (der Selbstdarstellungsaspekt, den viele dann kritisiert haben) und 2. die Einheit von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten ausgedrückt, wird, was sonst in unserem Heft nicht so genau zur Sprache gekommen wäre. Deshalb bin ich dafür, den Text auf jeden Fall zu behalten und Heinz zu fragen, ob ihm noch Umformulierungen einfallen, die die Radikalität der Kritiken an Arbeit und reformerischer Nachhaltigkeit wenigstens nicht vermissen lassen...

Beste Grüße von Annette

Hallo, ich möchte mich nochmal zu dem Artikel von INA äußern. Als Layouter nehme ich alles rein, was von der Diskussionsrunde um den Schwrepunkt vorgeschlagen wird. Aber den Text über das INA nur mir erheblichen Bauchschmerzen. Meine Meinung: Das ist ein eher platter Selbstbejubelungsartikel (sich selbst als "Blume der Nachhaltigkeit" zu bezeichnen, ist schon ungewöhnlich platt) mit einen völlig unkritischen Positivbezug auf das zumindest umstrittene Konzept der Nachhaltigkeit. Utopische oder herrschaftskritische Bezüge - Fehlanzeige. Zumindest würde ich gerne drunterschreiben, dass es zur Nachhaltigkeit auch andere Positionen gibt (mit Link u.ä.).

Jörg

Link zu Nachhaltigkeitskritik und auch gerade zu der im Text positiv bezeichneten Einheit von Sozialem, Ökonomie und Ökologie (keine Ahnung, warum Wirtschaft gleichrangig Selbstzweck mit dem anderen sein soll ...): - http://www.projektwerkstatt.de/aes

"keine Ahnung, warum Wirtschaft gleichrangig Selbstzweck mit dem anderen sein soll"

Im Beitrag wird über "ökonomische Nachhaltigkeit" geschrieben. Wenn wir die dort ganz oben angegebene Definition für "Nachhaltigkeit" zugrunde legen ("Nachhaltigkeit fordert weltweit Wirtschafts- und Lebensweisen, die sicherstellen, daß auch spätere Generationen ihre Bedürfnisse von Lebensqualität in angemessener Weise befriedigen können."), so verstehe ich das so, dass auch die ökonomischen Aktivitäten sich selbst tragen müssen, ohne dass eine Substanz aufgezehrt wird. Ich denke, es ist schon gut, zu erfahren, wie eine Gruppe das hinkriegt, ohne sich dem kapitalistischen Wachstumszwang zu unterwerfen.

Ich denke, weder Soziales, noch Ökologisches, noch Ökonomisches soll alleine Selbstzweck sein. (Ökologisches alleine als Selbstzweck würde eine Ökodiktatur rechtfertigen) Wenn wir Wirtschaft als "Tätigkeit zur Bedürfnisbefriedigung" nehmen, ist es aber doch wohl mindestens so wichtig wie die anderen Faktoren, oder?

Ansonsten: Wer die SSM bzw. INA ein wenig kennt (und dazu gibts wenigstens auf den Webseiten Gelegenheit), braucht da nicht mit den allgemeinen Holzhammer der AGENDA-kritik loszulegen. Ich hab das Stichwort "Nachhaltigkeit" bei ihnen genommen als Aufweis, dass eine primär nichtkapitalistische Wirtschaftsweise eben auch eher ökologische Forderungen erfüllt als eine kapitalistische. Wozu soll in dieses Wort jetzt was reininterpretiert werden, was so als Konzept bei ihnen nicht unterstellt werden kann?

Wieso schreibst zu "alleine als Selbstzweck"? Das habe ich doch nie gefordert? Ich habe nur festgestellt, dass Ökologie und Soziales auch Selbstzweck sind, Ökonomie aber eben nicht. Von alleine habe ich nie was geschrieben, das wäre auch nicht meine Position. Wer aber Nachhaltigkeit als etwas Tolles beschreibt, weil Ökonomie, Soziales und Ökologie dort gleichberechtigt sind, der ist der Propaganda von Industrie und Staat aufgesessen. Er verteidigt als scheinbaren Fortschritt etwas, was tatsächlich gegenüber früherer Politik ein Rückschritt ist. Das tut INA in dem Text - ob nun aus Versehen, unbedacht oder als tatsächlich überzeugte Nachhaltigkeitsfans, das müssen sie selbst klären, das weiß ich nicht.

Jörg

Ich verstehe diese Selbstzweck-Diskussion nicht. Etwas (egal ob Ökologie, Ökonomie oder Soziales) ist normalerweise nicht Selbstzweck. Alles aber kann verdreht, aus dem systemischen Zusammenhang gerissen, und zum Selbstzweck gemacht werden. Das ist dann ein Zeichen für mangelndes Urteilsvermögen und Dogmatismus.

Tatsächlich, der Selbstzweck-Gedanke ist hier nicht angebracht. Durch die gegenseitige Abstimmung der Sphären Ökologie, Ökonomie und Soziales wird hier nichts zum Selbstweck. Gerade weil es keine zentrale "Abstimmungs-Planungs-Maschinerie" geben wird und soll (das ist angesichts des Selbstorganisierungscharakters der Sphären praktisch nicht möglich und aus Gründen der gewollten Herrschaftsfreiheit gleich gar nicht wünschbar), ist es wichtig, diese Abstimmung in jedem Projekt selbst und dann in den weitergehenden Vernetzungen zu betreiben. (Für die SSM/INA ist es meines Wissens auch der erste Text, der das explizit thematisiert).
Dass wir auch in einer herrschaftsfreien Welt darauf achten müssen, uns die eigene (u.a. ökologische) Substanz nicht zu zerstören, dürfte ja klar sein. Insofern brauchen wir dann schon das Bedenken von so etwas, was auch von bürgerlich-kapitalistischer Seite mit dem Wort "Nachhaltigkeit" bezeichnet wird. Jemand schlug irgendwo vor, das von unserer Seite her "Tragfähigkeit" zu benennen, aber ich denke nicht, dass es Sinn macht, an den Wörtern herumzukritteln, wo es um die Inhalte geht.
Sonst kommen wir wieder dahin, wo wir in der DDR schon mal waren: Unsre Elbe durfte nicht in demselben Sinn dreckig sein wie der Rhein, sondern der Dreck des Rheins war ein kapitalistisches Verbrechen und der Dreck der Elbe war nur ein winziges Entwicklungsproblemchen.