Lernlust statt Erziehungsfrust

Version 6, 79.201.102.199 am 11.3.2008 20:17

Peter Struck Lernlust statt Erziehungsfrust 168 S 25,90 DM ISBN:3-8218-1693-7 EichbornVerlag


aus dem Text

Einleitung: Zur aktuellen Diskussion um Erziehung, Bildung und Leistung

Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, dass Erziehung sich um die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen bemüht, dass Bildung etwas mit der Summe von Erziehung und Lernen zu tun hat und dass die Leistung das ist, was dabei herauskommt.

Erziehung ist eigentlich kein Begriff, der zu unserer demokratischen Gesellschaft passt, aber er hat den Vorteil, dass alle Menschen in etwa ahnen, was damit gemeint ist. Erziehen kann man eigentlich nur Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, also Menschen bis ungefähr zum 21. Lebensjahr, danach geht es mehr um das Lernen. Der Erziehungsbegriff erinnert ein wenig an Dressur, die ja Abrichtung ohne Zustimmung aufgrund von Überzeugung meint. Die Antipädagogen um Hubertus von Schoenebeck korrigieren das Unzeitgemäße des Erziehungsbegriffes deshalb mit ihrem Motto »Beziehung ist besser als Erziehung«. Denn wer eine gute Beziehung zu einem jungen Menschen hat, erzieht ihn eigentlich wie von selbst.

Wir unterscheiden die funktionale von der intentionalen Erziehung und sagen, dass die funktionale Erziehung sich ungewollt bzw. ungeplant ereignet. Sie geschieht durch gesellschaftliche, nachbarschaftliche, mediale und jugendkulturelle Einflüsse, also über den Umgang des jungen Menschen, über Bildschirmeinwirkungen, über sein Milieu und infolge von Trends mitsamt ihren Sogwirkungen, die zum Teil durch Werbung initiiert werden. Die intentionale Erziehung ist hingegen die absichtsvolle, Effekte planende Erziehung, wie sie von Eltern durchgeführt oder von Lehrern organisiert wird. Funktionale und intentionale Erziehung zusammen ergänzen die Erbgutbestimmung des Kindes, wobei die Mehrheit der Wissenschaftler inzwischen davon ausgeht, dass etwa die Hälfte der menschlichen Persönlichkeit von den Genen entschieden wird. Die andere Hälfte, so die Experten, sei einflussabhängig, also erziehungsbedingt, und zwar in der Weise, dass sich etwa 70 Prozent der erbgutunabhängigen persönlichkeitsbestimmenden Einflüsse in dem Zeitraum von neun Monate vor der Geburt bis ungefähr zum Ende des dritten Lebensjahrs ereignen, dass weitere 20 Prozent bis etwa zum elften Lebensjahr hinzukommen, und dass nach dem elften Lebensjahr noch zu etwa zehn Prozent erzieherische Einflussmöglichkeiten auf die Persönlichkeitsbildung im engeren Sinne bleiben. Wohlgemerkt: Lernen lässt sich auch noch danach eine ganze Menge, aber es funktioniert umso besser, je jünger der Mensch ist. Und schockierende Lebensereignisse können auch im Erwachsenenalter noch persönlichkeitsbildend sein.

Eltern haben mit den 50 Prozent Einflussmöglichkeiten auf die Persönlichkeitsbildung ihres Kindes ein Erziehungsrecht und eine Erziehungspflicht. Aber ihre Hilflosigkeit angesichts dieser Aufgabe richtet dabei oft Schäden an, so dass beispielsweise in den USA diskutiert wird, ob man für das schwierige Erziehungsgeschäft so etwas wie einen »Elternführerschein« verlangen sollte.

Das vergangene Jahrhundert wurde von der schwedischen Pädagogin Ellen Key als »Jahrhundert des Kindes« apostrophiert. Das gerade begonnene neue Jahrhundert müsste eigentlich »Elternschaft lernen« zum Leitmotiv erhalten, weil die Familie im klassischen Sinne zerfällt, Kinder aber nach wie vor geboren werden und dann auch Erziehung brauchen. Kinder haben ein Familienbedürfnis, und sie benötigen Eltern, weil sie keine »Nestflüchter«, sondern »Nesthocker« sind. Wenn Familie zerfällt, muss also Familienähnliches für sie gestaltet werden; d.h., wenn für viele Kinder ein Vater in ihrem Leben nicht mehr vorkommt, dann muss liebevolle Väterlichkeit für sie organisiert werden; wenn sie als Einzelkinder keine Geschwister haben, müssen sie Geschwisterlichkeit auf andere Weise - im Kindergarten, in der Schule, im Urlaub, im Sportverein oder in der Nachbarschaft - erleben können; und wenn ihre Mutter allein erziehend, gestresst oder erzieherisch hilflos ist, dann brauchen sie dennoch die Kompetenz einer Elternschaft, die von anderen Menschen repräsentiert werden kann.

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Mittwoch, 2. Juni 2004

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